Ticket-Taktik

Schwarzfahren ist eigentlich ein erstaunlich analoges Verbrechen. Man steigt in einen Zug, besitzt keinen Fahrschein und hofft, dass niemand kommt. Das Prinzip funktioniert seit Jahrzehnten und erfordert ungefähr Null technische Ausstattung. Und genau deshalb gibt es jetzt – natürlich – eine App. Wir digitalisieren das Schwarzfahren!
Nach TikTok kommt jetzt Ticket-Taktik, wobei … »Freifahren« heißt die App in echt und sie zeigt auf einer Karte, wo gerade in Berliner U- und S-Bahnen kontrolliert wird. Wer Kontrolleure entdeckt, meldet Standort und Linie. Die App sammelt die gemeldeten Informationen und versucht sogar vorherzusagen, wohin sich die Kontrolleure als Nächstes bewegen. Rund 40.000 Menschen nutzen das System regelmäßig. Das ist blitzer.de Pro für den ÖPNV. Entwickelt hat die App der 21-jährige Informatikstudent Johan Trieloff. Angefangen hatte alles mit WhatsApp- und Telegram-Gruppen, in denen sich Studierende gegenseitig vor Kontrollen warnten. Trieloff begann, diese Meldungen automatisiert auszulesen und auf einer Karte darzustellen. Zwei Freunde kamen dazu, inzwischen ist daraus eine Web-App geworden.
Ich muss gestehen: Technisch finde ich das ziemlich clever. Moralisch kann man darüber diskutieren. Schließlich könnte man das Prinzip wunderbar auf andere Lebensbereiche übertragen. Eine App namens »Freiparken« könnte melden, wo Politessen unterwegs sind. »Freisteuern« zeigt, wann der Betriebsprüfer beim Nachbarn sitzt. Und mit »Freiehe« könnte man auf einer Karte sehen, … Sie verstehen schon. Und »Freiblitzen« warnt vor … ach nee, das gibt’s ja schon.
Interessant ist auch die Motivation hinter »Freifahren«. Laut Entwickler gibt es Nutzer, die sich Fahrkarten kaum leisten können. Andere besitzen sogar ein Ticket und melden Kontrollen aus Solidarität. Da hat also jemand bezahlt und hilft anderen dabei, nicht zu bezahlen. Das ist ungefähr so, als würde man nach dem Einkauf vor dem Supermarkt stehen und den Leuten zurufen, an welcher Kasse gerade niemand hinschaut.
Lassen Sie mich an dieser Stelle trotzdem einwerfen, dass ich der Meinung bin, dass das 9 Euro-Ticket (nicht 63 Euro) die Zukunft ist. Oder noch einfacher: dass der ÖPNV am besten kostenlos sein sollte. Das bringt nur Vorteile – auch den Autofahrern. Rechtlich scheint »Freifahren« bislang auf sicherem Gleis unterwegs zu sein. Nach Angaben des Teams hätten Anwälte bestätigt, dass es wenig Spielraum für ein Verbot gebe. Geplant sind daher sogar technische Verbesserungen, um wiederkehrende Kontrollrouten besser zu erkennen. Nach dem Motto: Dienstag von halb Zehn bis 11 die U3 besser meiden. Auch weitere Städte könnten folgen.
Ich hab da ‘ne Idee: Vielleicht bauen die Berliner Verkehrsbetriebe jetzt einfach eine eigene App, die den Kontrolleuren anhand der in »Freifahrt« gemeldeten Stellen einfach neue Routen vorschlägt, mit denen niemand rechnet. Ach herrje, ich merke schon, man kann sich auf nichts mehr verlassen, nicht mal auf eine vernünftige Fahrkartenkontrolle. Obwohl … eines bleibt in Deutschland immer sicher: Die Bahn kommt weiterhin zu spät.

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