Früher war ein Wasserzeichen etwas ziemlich Edles. Man hielt einen Geldschein oder besonderes Briefpapier gegen das Licht und sah plötzlich ein Gesicht, ein Logo oder irgendeinen Bundesadler durchschimmern. Heute hält man einen KI-Text gegen das Licht und sieht: nichts. Trotzdem kann dort neuerdings ein Wasserzeichen drinstecken. Schuld ist die EU.
Seit dem 2. August gelten Transparenzpflichten aus Artikel 50 des europäischen AI Acts. Anbieter generativer KI müssen synthetisch erzeugte Texte, Bilder, Videos und Audio-dateien als künstlich erzeugt oder manipuliert markieren. Bei Bildern, Videos und insbesondere bei DeepFakes halte ich das für sinnvoll. Gerade bei Letzterem, also bei Videos, die vermeintlich jemanden zeigen, der etwas macht oder sagt, was er/sie nie gemacht oder gesagt hat. Insbesondere bei Politikern oder werbenden Promis kann damit nämlich viel angestellt werden. Aber auch, wenn ich es für wichtig erachte – ich glaube, dass es nicht viel bringt. Weil Betrüger, die betrügen, ihre betrügerischen Betrugswerkzeuge nicht mit einem »dieses Video ist KI-generiert« markieren werden. Die Molkerei ihre Werbung mit der sprechenden Kuh, die den Streichkäse so lecker findet, hingegen schon.
Aber auch KI-generierte Texte müssen jetzt entsprechend markiert sein. Und das ist schwierig umzusetzen. Steht da am Ende des Textes in kleiner, weißer Schrift auf weißem Hintergrund: »Ich bin KI-generiert«? Anthropic, die Firma hinter der KI »Claude«, sagt nun: »Claude«-Texte bekommen ein unsichtbares Wasserzeichen. Wie sie das technisch exakt machen, ist nicht bekannt. Einfach gesagt: nach einem mathematischen Muster wird beim Erzeugen von Texten bei Wörtern, die eine identische Bedeutung haben, öfter mal das nicht am wahrscheinlichsten zu erwartende Wort benutzt. Das verändert den Textinhalt nicht, aber wenn ein Muster seltener Worte auftaucht, dann war es »Claude«! Das ist faszinierend. Und ein bisschen wie unsichtbare Tinte ohne UV-Lampe. Denn man kann das Muster nicht selbst »sehen«, wir müssen die KI fragen.
Noch schwieriger wird es bei der Frage, was dieses Wasserzeichen eigentlich beweist. Anthropic selbst weist darauf hin, dass ein Treffer lediglich bedeutet, dass »Claude« den Inhalt verarbeitet haben könnte. Vielleicht hat »Claude« den kompletten Artikel geschrieben. Vielleicht hat der Autor seinen eigenen Text nur übersetzen, zusammenfassen oder korrigieren lassen. Trotzdem kann das Signal drinstecken. Was passieren wird: Schüler geben Hausarbeiten ab, Redaktionen prüfen Beiträge und Personalabteilungen Bewerbungsschreiben. Irgendjemand wird garantiert einen KI-Detektor drüberlaufen lassen, der meldet dann: »KI erkannt!« Und der Bewerber erklärt verzweifelt, dass »Claude« lediglich drei Kommas korrigiert habe. Willkommen beim digitalen Lügendetektor.
Na ja, nun haben wir also ein Wasserzeichen, das Menschen nicht sehen und dessen Nachweis nicht einmal zwingend bedeutet, dass die KI den Text geschrieben hat. Perfekt! Endlich können wir zweifelsfrei und ohne Wenn und Aber sagen: Wir sind uns nicht sicher.
