Mein Fernseher hat jetzt einen Nebenjob. Das ist grundsätzlich erfreulich, denn das faule Ding hängt seit Jahren an meiner Wand herum, glotzt mich an und verbraucht Strom. Nun stellt sich heraus: Manche Smart-TVs können durchaus etwas zum Haushaltseinkommen beitragen. Nur leider nicht zu meinem.
Der Trick nennt sich Residential Proxy und funktioniert ungefähr so: Wer im Internet unterwegs ist, hinterlässt dabei seine IP-Adresse. Webseiten können recht gut erkennen, ob eine Anfrage von einem normalen Privatanschluss kommt oder aus einem Rechenzentrum. Letzteres ist verdächtig, wenn plötzlich 80.000 Anfragen in drei Minuten eintrudeln. Ein normaler Internetanschluss in München, Madrid oder Mönchengladbach wirkt dagegen herrlich menschlich. Und genau solche Anschlüsse kann man mieten.
Dafür braucht man allerdings Menschen, die ihren Anschluss zur Verfügung stellen. Oder Fernseher. Der Sicherheitsforscher Benjamin Flesch hat Apps im LG Content Store untersucht und festgestellt, dass erstaunlich viele davon Software enthielten, die den Fernseher zum sogenannten Residential Proxy machen konnte. Fremder Internetverkehr wird dann über das Gerät und damit über den Internetanschluss seines Besitzers geleitet. Für die besuchte Webseite sieht es aus, als käme die Anfrage aus einem heimischen Wohnzimmer. Die eigentliche Anfrage kommt aber von weiß Gott woher. Unternehmen können damit zum Beispiel Preise aus verschiedenen Ländern überprüfen, Werbung kontrollieren oder Daten im Web sammeln. Weniger seriöse Kundschaft findet echte Privat-IP-Adressen allerdings ebenfalls praktisch, etwa um Sperren zu umgehen oder automatisierte Zugriffe nicht automatisiert aussehen zu lassen.
Das Geschäftsmodell dahinter ist durchaus elegant. Entwickler kostenloser Apps müssen Geld verdienen, Werbung nervt, Abos will keiner und für „Sudoku Deluxe TV Edition XXL“ möchte auch niemand 8,99 Euro im Monat bezahlen. Also integriert man einen Proxy-Anbieter in seiner App. Der sammelt viele tausend oder Millionen solcher privaten Anschlüsse und verkauft deren Nutzung weiter. Alle verdienen daran. Der Proxy-Kunde bezahlt den Proxy-Anbieter, der Proxy-Anbieter beteiligt den App-Entwickler – und der Besitzer des Fernsehers stellt ihnen unwissend und kostenlos Hardware, Strom, Internetleitung und IP-Adresse zur Verfügung. Das nennt man vermutlich Sharing Economy. Einer teilt, die anderen haben die Economy.
Besonders pikant wird die Sache, wenn der Nutzer gar nicht verstanden hat, dass die kostenlose App nebenbei seinen Internetanschluss vermietet. Genau deshalb will LG solche Apps nun aus seinem webOS-Store verbannen.
Residential Proxies sind nicht grundsätzlich böse. Wer wissentlich eine entsprechende Software installiert und dafür sogar Geld bekommt, kann seine ungenutzte Bandbreite durchaus vermieten. Die entscheidende Vokabel lautet: wissentlich. Wir haben uns daran gewöhnt, dass vermeintlich kostenlose Apps mit unseren Daten bezahlt werden. Offenbar war das noch nicht genug. Jetzt darf auch noch der Internetanschluss anschaffen gehen. Früher war der Fernseher das Fenster zur Welt, heute vermietet er Dein Haus.
