Fehler 404: Haus not found

Wer heute ein Haus kauft, bekommt keinen dicken Leitz-Ordner mehr, sondern einen Eintrag in einer Datenbank. Eigentum ist längst digital geworden. Das spart Papier, beschleunigt Behördengänge und macht Notaren das Leben leichter. Nach einem gescheiterten Erpressungsversuch löschte nun ein Hacker die Daten des elektronischen Grundbuchs Rumäniens. Plötzlich ging es beim Klassentreffen nicht mehr um „Mein Pferd, mein Auto, meine Villa“, also darum, wer das schönere Eigenheim besitzt – sondern ob überhaupt noch jemand eines besitzt bzw. das zweifelsfrei nachweisen konnte.

Hacker verschlüsseln oder löschen Daten im Wochentakt. Das ist nichts Neues. Das Ziel ist das Problem. Früher traf es Fotos, Dokumente von Privatpersonen. Dann jahrelang (auch jetzt noch) ganze Firmen. Heute greifen Cyberkriminelle aber vermehrt dort an, wo Vertrauen gespeichert wird. Beim Staat oder bei einer kritischen Infrastruktur. Ein Grundbuch ist schließlich kein digitales Archiv, sondern das Gedächtnis eines ganzen Landes. Wer Eigentum verwaltet, verwaltet Wohlstand. Und wird dieses Gedächtnis gelöscht, bringt der leere Server nicht nur eine Datenbank zum Schweigen, sondern ganze Wirtschaftsbereiche.

Ohne Grundbuchauszug können Notare keine Transaktionen mehr beurkunden. In der Folge wird (noch) nichts bezahlt, also können Verkäufer das Geld auch (noch) nicht ausgeben. Es ist geparkt und fehlt der Wirtschaft. Banken vergeben ohne Grundschuldeintrag zudem keine neuen Hypothekendarlehen, also bleiben Investitionen aus. Und dann steht in Rumänien ja noch die geplante Steuererhöhung für Hausverkäufe am 31. Juli an, wegen der viele Immobiliendeals so geplant waren, dass sie vor dem Stichtag abgewickelt sind.
Der Cyberangriff kommt zur unpassendsten Zeit und ist nicht nur für das Grundbuchamt Rumäniens eine Katastrophe. Es könnte „normale Menschen“ in den finanziellen Ruin treiben, wenn die Finanzierung des Eigenheims eh schon auf Kante genäht war.

Noch problematischer ist allerdings etwas anderes. Je digitaler Staaten werden, desto größer wird der Schaden eines erfolgreichen Angriffs. Früher hätte jemand tausende Aktenordner stehlen und vermutlich einen Hexenschuss riskieren müssen. Heute reicht unter Umständen ein einziger kompromittierter Administratorzugang. Früher brauchte Kriminalität Muskelkraft. Heute genügt Bandbreite. Aber wollen wir wieder zu meterlangen Regalen mit Aktenordnern zurück? Natürlich nicht. Wir brauchen einfach mehr Widerstandskraft. Mehr Resilienz gegen Cyberangriffe. Sichere Systeme. Denn Digitalisierung ohne Resilienz ist wie ein Porsche ohne Bremsen. Er ist beeindruckend schnell – bis zur ersten Kurve.

Vielleicht sollten wir ohnehin aufhören, Cyberangriffe ausschließlich als IT-Problem zu betrachten. Sie sind längst ein Problem für die Bevölkerung geworden. Wenn Führerscheine nicht beantragt werden können. Wenn Transporter nicht angemeldet werden können. Wenn Bankkredite nicht ausbezahlt werden können. Wenn niemand mehr beweisen kann, wem eine Wohnung gehört. Dann schadet das massiv der Allgemeinheit und dem Bruttosozialprodukt. Etwas Positives haben solche Vorfälle aber trotzdem. Man kann aus den Fehlern lernen. Und wenn es stimmt, dass wir in deutschen Behörden immer weitgehend analog sind, dann haben wir zumindest noch die Chance, die Digitalisierung richtig zu machen. Auf geht’s!

Eine Antwort auf „Fehler 404: Haus not found“

  1. Vielen Dank für diesen wichtigen Blogbeitrag. Cyberangriffe auf Behörden und die kritische Infrastruktur sind längst kein reines Phänomen der organisierten Kriminalität mehr, sondern ein zentrales Werkzeug staatlicher Akteure im Rahmen der hybriden Kriegsführung.

    Kaskadierende Ausfälle – sei es beim Grundbuchamt, den Meldebehörden, im Gesundheitswesen (wie der Telematikinfrastruktur) oder bei der alltäglichen Versorgung wie Geldautomaten und dem Nahverkehr – erfordern aufseiten der Angreifer oft nur minimalen Ressourceneinsatz. Die gesellschaftliche Wirkung ist dennoch verheerend: Sie verunsichern die Bevölkerung zutiefst und untergraben systematisch das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates. Dass eine eindeutige Attribution solcher Angriffe extrem schwierig ist, macht diese asymmetrische Bedrohung umso gefährlicher.

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