Fremdenführer in Neuland

Als Angela Merkel vor einiger Zeit das Internet als Neuland bezeichnete, haben einige spontan den Kopf geschüttelt und die Welt nicht mehr verstanden. Ich auch. Schon seit den 1990er Jahren boomt doch die IT in Deutschland regelrecht. Mit den üblichen Zyklen eines Auf und Ab zwar, aber tendenziell gibt es in der Branche jedes Jahr mehr Arbeitsplätze, digitale Revolutionen, Innovationen und Hypes. Neuland? Eigentlich sind wir doch auch einer der führenden IT-Standorte auf der Welt?! Und ich, ich fühle mich sogar schon seit Jahren als Einwohner von „Neuland“.

Cyberwar (c) Yannick SchrödelAber OK, bei der Geschwindigkeit, die die IT mittlerweile an den Tag legt, kann einem Besucher von Neuland – also einem Laien – schon mal schwindelig werden. Das kann ich durchaus verstehen. Da taucht plötzlich ein gefährliches Darknet auf. Man zahlt mit Bitcoins, die man nicht anfassen kann. Soziale Netzwerke und Big Data bedrohen den Datenschutz, während das „Internet-der-Dinge“ die Telekom angreift. Das alles ist im Detail halt nicht so einfach zu verstehen, wie zum Beispiel die Gebrauchsanweisung für eine normale Google-Suche.

Ich bin sowas wie ein Fremdenführer in Neuland

Deshalb betätige ich mich seit Jahren als Fremdenführer in Neuland. Mein Fachgebiet: IT-Sicherheit. Und es wäre schön, wenn es noch mehr Fremdenführer gäbe. Menschen, die den Touristen von Neuland die Sehenswürdigkeiten zeigen und Licht ins Darknet bringen. Denn dort finden sich zum Teil wunderschöne (System-)Architekturen. Das Darknet ist ja auch nicht nur dunkel und die Blockchain wird neben dem Finanzwesen auch den Gebrauchtwagenverkauf revolutionieren, indem sie zurückgedrehte Tachostände verhindert. Big Data hilft der Polizei, Einbrecher schon vor dem Einbruch festzunehmen. Und bald auch Pharmafirmen, Krebs-Medikamente auf jeden einzelnen Patienten perfekt zuzuschneiden – aber, es offenbart auch jedem, welcher Online-Autor mit wem ins Bett geht. Das Internet der Dinge ist mit seinen Sicherheitsproblemen wirklich eine Bedrohung, die wir angehen müssen. Es sorgt aber auch für Milliarden-Investitionen im Mobilfunkbereich, weil das jetzige LTE-Netz die dann anfallenden Trilliarden Daten aller Sensoren von Online-Geräten gar nicht in die Cloud transportieren kann.

Sag Rachenentzündung, statt Pharyngitis

Digitalisierung ist Herausforderung und Chance zugleich. Wir IT-ler müssen daher lernen, den vielen Menschen, die nicht mit dem Smartphone in der Hand geboren wurden, das alles verständlicher zu erklären, um sie nicht abzuhängen. Wir  – egal ob Informatiker oder Nerd – müssen diese Menschen mitreissen, indem wir die Stadtrundfahrt durch Neulands Sehenswürdigkeiten unterhaltsam und spannend gestalten. Wir müssen ihnen die Angst nehmen und Sicherheitsregeln nicht als vermeintlich willkürliche Vorschrift verkaufen – sondern vielmehr erklären und sie „einweihen“ in die Vorgehensweisen von Hackern. Denn sie sind Menschen, die selbst einen Haushalt führen und Häuser bauen. Die verstehen das! Wir sollten auch aufhören, nur mit Fachbegriffen rumzuwerfen. Ich empfinde es ja auch als Wertschätzung, wenn ein Arzt oder Mechaniker mir in „meinen Worten“ erklärt, was ich bzw. mein Auto habe. Und wir müssen akzeptieren, dass ein volldigitalisierter Chat-Bot zwar technisch cool ist, aber denen, die lieber mit lebenden Ansprechpartnern kommunizieren, auch Angst machen kann.

„We do what we must, because we can“ (GlaDOS)

Wir müssen aufhören, alles zu digitalisieren – nur weil wir es können. Digitalisierung wird nur dann ein Gewinn, wenn sie den Menschen hilft – aber nicht, wenn sie uns überall ersetzt und von Elektrizität abhängig macht – oder von einer Internetverbindung, die gar noch von Neuland für die HeizungRegierungen oder Firmen wie Google, Facebook & Co. kontrolliert wird.

Digitalisierung darf uns nicht zu Deppen degradieren, die zu blöd sind, die Heizung zu regulieren, wenn der Router ausfällt – oder die verlernt haben, ohne Navi zum Ziel zu finden. Aber das haben wir selbst in der Hand. Wenn wir das alles unter einen Hut bringen, dann besucht uns vielleicht auch mal die Kanzlerin – hier, im schönen Neuland.


 Bildnachweis: Handgranate (c) Yannick Schrödel // Smarthome Heizung (c) stockWERK via fotolia

Ein Kommentar zu “Fremdenführer in Neuland

  1. Gut und treffend geschrieben. Ich versuche auch Fachbegriffe (ganz besonders die englischen) zu vermeiden. Wo es unumgänglich ist, oder zum besseren Verständnis des Gesamtzusammenhangs (weil eben Umgangssprache) beiträgt, verwende ich den auch mal den Fachbegriff mit dem am ehesten zutreffenden deutschen Begriff gemeinsam. Falls möglich, versuche ich das sogar in „leichter Sprache“. Wenn Menschen mit Fachbegrifflichkeiten um sich werfen und man sie bittet diese doch zu erläutern, kommt nur allzuoft Müll heraus. Sprich, sie wissen meist selbst nicht um die wirklich Bedeutung, versuchen aber durch die Verwendung der Fachterminologie sich als klug und gebildet mit hohem Potenzial an Fachwissen darzustellen. Mehr Schein als Sein.

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