Raubkopierer waren früher leicht zu erkennen. Sie besaßen CD-Rohlinge in Mengen, die für eine mittelgroße Plattenfirma gereicht hätten. Und sie beschrifteten ihre Werke mit Edding: »Microsoft Office (funktioniert)«. Das war natürlich illegal, aber wenigstens handgemacht.
Vielleicht kennen Sie die »Tycoon«-Computerspiel-Reihe, in der man ein Firmenimperium aufbauen soll. Bei Eisenbahn-Tycoon versucht man, der erfolgreichste Eisenbahn-Konzern zu werden. Bei Achterbahn-Tycoon geht es darum, den erfolgreichsten Vergnügungspark zu betreiben. Es gibt Pizza-Tycoon, Zoo-Tycoon, Krankenhaus-Tycoon, Airline-Tycoon und viele andere. 2013 brachte das kleine Studio Greenheart Games ein wunderbares Spiel auf den Markt. Es hieß »Game Dev Tycoon«. In dem Spiel ist man Manager einer Firma, die Computerspiele entwickelte.
Kurz nach Veröffentlichung seines Spiels stellte der Entwickler Patrick Klug selbst eine gecrackte Version von »Game Dev Tycoon« ins Netz. Er lud sein eigenes Spiel auf den typischen Seiten hoch, in denen Raubkopierer Spiele tauschten. Die hochgeladene Version ließ sich wunderbar spielen. Doch Klug hatte darin eine kleine Änderung programmiert. Egal, wie erfolgreich man als »Spiele-Entwickler-Tycoon« auch war, die virtuelle Spielefirma bekam irgendwann ein Problem: Ihre Spiele wurden immer häufiger raubkopiert. Die Einnahmen brachen ein und egal, was man tat: irgendwann ging das virtuelle Unternehmen im Spiel unweigerlich pleite. Wer die Raubkopie von »Game Dev Tycoon« spielte, scheiterte also an Raubkopien. Einige Spieler beschwerten sich witzigerweise in Foren darüber, dass die Piraterie in dem Spiel völlig übertrieben sei und fragten, wie man verhindern könne, dass die Kunden ständig ihre Spiele klauen.
Das Problem selbst ist viel älter. Schon 1976 beschwerte sich Bill Gates in seinem berühmten »Open Letter to Hobbyists«, dass weniger als zehn Prozent der Altair-Besitzer BASIC gekauft hätten. Seine Botschaft war deutlich: Wenn ihr Software kopiert, ohne dafür zu bezahlen, lohnt es sich irgendwann nicht mehr, gute Software zu entwickeln.
Fünfzig Jahre später ist das Problem immer noch da. Wir nennen es einfach anders. Generative KI kann Bilder erzeugen, Musik komponieren, Stimmen imitieren und Texte schreiben. Das kann sie nur, weil sie vorher gigantische Mengen davon gesehen, gehört und gelesen hat. Auch urheberrechtlich geschützte Werke. Künstler, Fotografen, Autoren und Musiker fragen deshalb inzwischen ziemlich genau das, was Bill Gates 1976 fragte: Moment mal, die KI baut mit unserer Arbeit ein Produkt und wir bekommen dafür nix?
Natürlich lernt auch ein Mensch, in dem er Bücher liest, Musik hört und Bilder betrachtet. Und kein Gitarrist überweist Keith Richards jedes Mal 30 Cent, wenn er ein Gitarren-Riff übernimmt. Kultur entsteht, weil wir auf Vorhandenem aufbauen. Die Frage ist nur, ob »lernen« noch dasselbe bedeutet. KI schaut nicht 500 Bilder im Leben an, sondern 500 Millionen beim Frühstück. Früher kopierten Menschen Software und die Softwareindustrie schrie: Diebstahl! Heute kopiert Software praktisch alles. Und plötzlich heißt es KI-Training.
