PhotoShop war erst der Anfang

Seit Jahrhunderten versuchen Menschen herauszufinden, ob ein Bild echt ist. Früher hat man dazu Gemälde analysiert, Pinselstriche untersucht und Kunsthistoriker mit Hornbrille gefragt. Heute schaut man sich ein Foto vom Papst im weißen Balenciaga-Daunenmantel an und denkt sich nur noch: »Ja gut, könnte so gewesen sein.« Willkommen im Zeitalter der KI-Bilder. In einer Welt, in der Donald Trump plötzlich friedlich ein Buch liest oder Olaf Scholz mit emotionsgeladener Mimik auftritt, braucht es dringend eine Art digitalen Herkunftsnachweis. Und genau hier kommt SynthID ins Spiel.
SynthID ist eine Technik von Google DeepMind, die KI-generierten Bildern unsichtbare Wasserzeichen verpasst. Unsichtbar bedeutet dabei nicht »leicht zu übersehen«, sondern wirklich unsichtbar. Also nicht wie früher bei Stockfotos, bei denen quer über dem Bild in Größe 72 »SHUTTERSTOCK« stand und trotzdem irgendein Verein dachte: »Ach komm, merkt keiner.« Nein, SynthID versteckt Informationen direkt in den Pixeln eines Bildes. Quasi wie Geheimtinte für Informatiker.
Das klingt erstmal vernünftig, denn wir stehen mittlerweile an einem Punkt, an dem Bilder nicht mehr beweisen, dass etwas passiert ist. Sie beweisen höchstens noch, dass jemand eine KI bedienen kann. Auch deshalb gibt es Wasserzeichen. Und deshalb packt Google in seine generierten Bilder dieses Wasserzeichen. Danach ist zumindest klar: Findet man SynthID im Bild, dann wurde es sicher mit KI erzeugt.
Natürlich hat das Ganze auch Grenzen. Ein Wasserzeichen hilft nur, wenn es noch da ist. Das ist wie bei einem Kofferanhänger am Flughafen. Die Idee ist super – bis irgendein Gepäckband beschließt, den halben Aufkleber abzurasieren. Schneidet jemand das Bild zu, macht einen Screenshot davon oder jagt es durch fünf Meme-Seiten und drei WhatsApp-Gruppen, dann wurde aus früheren digitalen Signaturen schnell digitaler Konfetti-Regen. Nicht so SynthID. Es ist robust gegen viele Methoden der Bildbearbeitung wie nachschärfen, Kontrast verändern oder einen Teilausschnitt machen. Selbst ein Screenshot entfernt es nicht.
Das eigentlich Faszinierende an SynthID ist aber die Vorstellung, wie absurd unser Verhältnis zur Wahrheit inzwischen geworden ist. Da bauen Tech-Konzerne Systeme, die Bilder erzeugen, die täuschend echt aussehen – nur um danach eine zweite Technologie zu entwickeln, die uns verrät, dass das Bild gelogen hat. Trotzdem ist SynthID wahrscheinlich nur der Anfang. Bald bekommen Bilder digitale Herkunftsnachweise, Videos Echtheitssiegel und Audioaufnahmen einen eingebauten »Ich schwöre, das war nicht KI«-Stempel. Früher fragte man bei Bildern: »Ist das Photoshop?« Heute lautet die eigentliche Frage: »Hat das überhaupt jemals eine Kamera gesehen?«
Ein Freund erzählte mir letztens, dass er echte Fotos, die er mit seiner Digitalkamera selbst geschossen hat, mit einem Trick mit SynthID versehen lässt. Er macht damit echte Fotos zu angeblich unechten, erzeugten Bildern – überprüfbar!!! Als ich ihn gefragt habe, wozu das denn sinnvoll sein könnte, antwortete er: »Frag mal Donald Trump. Der gäbe wahrscheinlich viel Geld dafür, wenn jemand in all die echten Fotos aus den Epstein-Files einen ‚Beweis‘ stempeln könnte, dass die alle mit KI generiert wurden.«

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.