Klau mich, wenn Du kannst

Man muss Apple ja lassen, dass sie Probleme gerne dort lösen, wo andere sie gar nicht erst suchen. Während sich Sicherheitsforscher mit Kryptografie, Biometrie und Künstlicher Intelligenz beschäftigen, schaut Cupertino offenbar auf den Gyrosensor und denkt sich: »Vielleicht verrät uns das Ding ja, ob gerade jemand beklaut wird.«
Genau daran arbeitet Apple angeblich. Das iPhone soll künftig erkennen, wenn es seinem Besitzer aus der Hand gerissen wird, und sich sofort sperren. Der Trick dabei: Beschleunigungssensor, Gyroskop und sogar die Entfernung zur Apple Watch sollen gemeinsam beurteilen, ob gerade ein Diebstahl stattfindet. Das Smartphone wird also zum digitalen Bewegungsanalytiker. Oder anders gesagt: Das iPhone macht künftig den Job, den früher nur die Oma am Küchenfenster erledigt hat. Es beobachtet alles und zieht seine Schlüsse.
Die spannende Frage lautet allerdings: Woher weiß ein Telefon eigentlich, dass es geklaut wird? Schließlich bewegt sich ein Smartphone den ganzen Tag. Beim Joggen hüpft es rhythmisch auf und ab wie ein schlecht befestigter Christbaumschmuck. Beim Fahrradfahren vibriert es auf Kopfsteinpflaster wie ein Cocktailshaker. Wer schon einmal mit dem E-Scooter durch eine deutsche Innenstadt gefahren ist, erzeugt vermutlich Beschleunigungswerte, die in anderen Ländern als Erdbeben registriert würden.
Der Unterschied liegt vermutlich im Takt. Ein Jogger bewegt sich erstaunlich regelmäßig. Schritt für Schritt. Ein Radfahrer erzeugt ebenfalls Muster, die sich wiederholen. Selbst ein Mensch, der hektisch zum Bus rennt, folgt einer gewissen Ordnung. Diebstahl hingegen ist Bewegungschaos. Da kommt plötzlich eine Kraft von der Seite, das Gerät wird ruckartig beschleunigt, gedreht und entfernt sich mit hoher Geschwindigkeit vom ursprünglichen Besitzer. Wahrscheinlich sieht das auf dem Gyrosensor ungefähr so aus, als würde jemand mitten im Wiener Walzer einen Bodycheck verteilen.
Das führt natürlich zu interessanten Zukunftsszenarien. Stellen Sie sich vor, Sie geben Ihrem Teenager das Handy mit den Worten: »Nur kurz!« Das Gerät interpretiert den anschließenden Fluchtversuch als Raubüberfall und sperrt sich. Oder der Hund schnappt sich das iPhone vom Gartentisch und rast begeistert über die Wiese. Sekunden später meldet das System einen professionellen Diebstahl durch einen Labrador.
Die eigentliche Herausforderung wird deshalb nicht sein, einen Diebstahl zu erkennen. Die Herausforderung wird sein, hunderttausend harmlose Bewegungen nicht für einen Diebstahl zu halten. Denn nichts macht Nutzer nervöser als Technik, die übervorsichtig wird. Wer schon einmal erlebt hat, wie ein Rauchmelder wegen eines angebrannten Toasts die gesamte Nachbarschaft alarmiert, weiß, was ich meine.
Trotzdem gefällt mir die Idee. Ein Smartphone, das merkt, dass es gerade geklaut wird, ist irgendwie charmant. Es hat etwas von einem Hund, der endlich gelernt hat, den Einbrecher und nicht den Postboten anzubellen.
Bleibt nur die Frage, was passiert, wenn der Dieb selbst eine Apple Watch trägt. Dann beginnt womöglich das erste Fitness-Duell der IT-Geschichte: Mein iPhone behauptet, es wurde gestohlen. Die Uhr des Diebes behauptet, sie macht nur Intervalltraining.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.