Vor ein paar Tagen bekam ich Post von einem Anwalt. Also nicht so richtige Post mit Papier, Siegel und dem Duft von Einschüchterung, sondern eine E-Mail. Das heutige Äquivalent zum Drohbrief. Inhalt: Ich hätte widerrechtlich das Foto einer Kuh auf meiner Webseite in einem Blogeintrag verwendet. Das Bild gehöre angeblich seinem Mandanten. Das sei ein klarer Verstoß gegen das Urheberrecht und überhaupt stünde der Abgrund der juristischen Vernichtung bereits mit einem Bein vor meiner Haustür.
Nun dachte ich natürlich sofort, dass ich eine Strafe zahlen müsste. Oder eine Unterlassungserklärung unterschreiben solle. Oder mich auf den Boden werfen und laut »Muh« rufen muss. Stattdessen las ich weiter. Denn der Anwalt zeigte sich überraschend großzügig. Man könne »die Angelegenheit außergerichtlich lösen«, wenn ich wie vorgeschrieben einen Link zur Webseite seines Mandanten setzen würde. Der Mandant heißt übrigens »Mechanical Bull Riding«. Also mechanisches Bullenreiten. Eine Firma, die Partyspielzeug vermietet. Hüpfburgen für Cowboyfantasien. An dieser Stelle wurde aus der Kuh plötzlich ein ganzes Rodeo. Und jetzt ist auch klar, warum die mich wegen dem Bild einer Kuh drankriegen wollten.
Deren Geschäftsmodell läuft nämlich offenbar so: Man durchforstet das Internet nach Bildern von Kühen ohne Copyright-Hinweis, behauptet einfach, das seien die eigenen Fotos, und verschickt anschließend juristisch klingende Liebesbriefe an Webseitenbetreiber. Ziel ist gar nicht das Geld. Ziel sind Backlinks. Links auf den Vermieter eiserner Bullen, der so im Google Ranking dank der vielen Verlinkungen steigt. SEO mit Stallgeruch also. Früher hat man sich Werbebanner gekauft, heute verschickt man Abmahnungen.
Der Haken an der Sache: Ich kenne den Fotografen der Kuh. Denn natürlich habe ich kein Bild einfach so geklaut. Er hat es frei zur Verfügung gestellt. Jeder darf es nutzen. Ich habe den Fotografen also angemailt, um ihn über den Missbrauch seines Urheberrechts hinzuweisen. Der war zunächst irritiert, dann amüsiert und schließlich interessiert. Interessiert daran, wie oft seine Kuh wohl mittlerweile offenbar im Wilden Westen des Linkbuildings Karriere macht. Denn … das kommt erschwerend hinzu: Diese Mail habe ich nicht das erste Mal erhalten. Schon letztes Jahr schrieb mir ein sehr ähnlicher Absender fast 1:1 den gleichen Text. Vermutlich grasen die dutzende Webseiten ab und verdienen damit mehr Geld als so mancher Influencer.
Besonders schön finde ich die Dreistigkeit der Konstruktion. Da sitzt irgendwo jemand und denkt sich: »Wie kommen wir günstig an Verlinkungen?« Und irgendein Marketing-Messias antwortet vermutlich: »Mit erfundenen Urheberrechtsverletzungen!« Das ist SEO wie aus einem Mafiafilm. »Schöne Webseite haben Sie da. Wäre doch schade, wenn der Kuh etwas zustößt.«
Man muss sich das mal vorstellen. Während echte Fotografen darum kämpfen, dass ihre Werke respektiert werden, spielen andere Copyright-Cluedo mit beliebigen Bildern aus Google Images. Und irgendwo sitzt wahrscheinlich gerade eine Kuh auf der Weide, kaut zufrieden ihr Gras und ahnt nicht, dass in ihrem Namen inzwischen mehr Abmahnungen wegen Copyright- … Verzeihung! … wegen Kuh-pyright-Verletzung verschickt wurden, als die Yellowstone-Ranch Rinder hat.
Bildnachweis: um diese Kuh ging es. Der Mann der das Bild gemacht ist Christoffer Borg Mattisson und er hat es zur Nutzung freigegeben. Mal sehen, wann wieder jemand anderes behauptet, dass er der Urheber ist.

Nun sicher ist der Anwalt auch in der Lage zu ermitteln wie sich ein Richter zu seiner Straftat, nämlich dem „Vortäuschen falscher Tatsachen“ stellt. Derartige Vorgänge zeige ich mittlerweile konsequent an. Weil solange sein strafbares Handeln keine Konsequenzen hat, macht der munter weiter. Zumindest eine Mitteilung an die Aufsichtsbehörde wäre angebracht.