Die kleine Romy ist erst wenige Monate alt und hat schon Bekanntschaft mit einem der mächtigsten Naturgesetze der Digitalisierung gemacht: Hat ein Fehler es einmal ins System geschafft, vermehrt er sich schneller als Kaninchen im Frühjahr.
Bei ihrer Geburt im französischen Département Ardennes passierte es. Irgendwo zwischen Kreißsaal, Standesamt und Datenbank wurde aus Romy ein Junge. Nicht körperlich. Nur digital. Ein falscher Eintrag, ein vertauschtes Auswahlfeld, ein unachtsamer Klick – was auch immer es war. Irgendjemand im Krankenhaus hat das falsche Feld ausgewählt und so wurde auf der Geburtsurkunde aus einer Romy kurzerhand ein Romy. Der Fehler wanderte in Windeseile weiter zu Behörden, Versicherungen und anderen Stellen. Alle legten die kleine Romy als Junge an. Die Eltern versuchten, die falsche Angabe korrigieren zu lassen – erfolglos. Denn obwohl allen Beteiligten klar war, dass ein Irrtum vorlag, lässt das System eine solche Änderung nicht zu. Aus einem Flüchtigkeitsfehler wurde ein Verwaltungsakt.
Wenn Sie mich fragen: Nicht der Fehler ist das Problem. Fehler gehören zum Leben wie Tippfehler zu meiner Texten. Das Problem ist ein System, das davon ausgeht, unfehlbar zu sein. Digitalisierung wird gerne verkauft wie eine Wunderwaffe gegen menschliche Schwächen. Alles wird schneller, effizienter und sicherer. Heute läuft dafür auch der Fehler selbstständig. Und zwar in Lichtgeschwindigkeit. Dabei ist die wichtigste Eigenschaft guter Digitalisierung nicht Perfektion, sondern Fehlertoleranz. Jedes System braucht einen Rückwärtsgang. Eine Undo-Taste. Wer Daten speichern kann, muss sie auch korrigieren können.
Der Fall Romy zeigt zudem, wie pfadabhängig unsere digitale Welt geworden ist. Die erste Eingabe gewinnt. Alles, was danach kommt, baut darauf auf. Romys Geschlecht digital zu ändern, scheint so schwer zu sein, wie vom iPhone zu Android (oder umgekehrt) zu wechseln. Wer das mal probiert hat, weiß, dass Romy keine Chance hat. Bei ihr wurde die Datenbank zur Quelle der falschen Wahrheit und jede weitere Anwendung glaubt blind, was dort steht. Register vertrauen Registern, Systeme synchronisieren sich gegenseitig, und irgendwann weiß auch niemand mehr, wo der ursprüngliche Fehler überhaupt entstanden ist.
Früher hätte ein Sachbearbeiter einen Blick auf das Kind geworfen, kein Pipperl gesehen, kurz gelächelt und den Fehler behoben. Er hätte nicht „das System“ auf den Kopf stellen müssen, sondern nur das „m“ – um daraus ein „w“ zu machen. Heute zucken alle mit den Schultern und verweisen auf „das System“. Als wäre „das System“ eine höhere Gewalt. So wie das Wetter. Dabei ist es doch nur eine Datenbank.
..und das 2026 – noch nie war eine Geschlechtsanpassung einfacher als heute.. aber ob Romy dann nicht mehr als Cis-Frau gelten würde wenn sie später Sportlarriere machen würde?