KI-cktipp

Früher brauchte man für ein WM-Tippspiel genau zwei Dinge: Ahnungslosigkeit und Glück. Heute braucht man zusätzlich noch eine Künstliche Intelligenz. Oder besser gleich sieben. Denn derzeit dürfen sich ChatGPT, Gemini, Claude, Copilot, Grok und ihre Kollegen daran versuchen, Fußballspiele vorherzusagen. Die Forschung schaut ihnen dabei interessiert auf die digitalen Finger und prüft, wer am Ende wirklich Ahnung vom Fußball hat – und wer nicht.
Das Faszinierende ist ja nicht, dass eine KI Deutschland gegen Curaçao richtig tippt. Dafür hätte früher auch der Goldfisch im Wohnzimmer-Aquarium gereicht. Spannend wird es erst, wenn die Ergebnisse überraschend sind. Und genau da beginnt das eigentliche Problem.
Fußball ist schließlich der einzige Sport, bei dem 11 Millionäre 90 Minuten lang beweisen, dass Mathematik nicht überall etwas zu suchen hat. Fehlpassstatistik, Expected Goals und Laufquote hin oder her. Natürlich arbeiten die Systeme mit beeindruckenden Datenmengen. Formkurven, Ballbesitz, Passquoten, Marktwerte, Verletzungen, Wetter, Mondphase, vermutlich sogar der durchschnittliche Neigungswinkel des Eckfahnenwimpels bei Westwind. Und trotz dieser Statistiken endet ein Spiel immer wieder mal mit einem 1:0 durch einen abgefälschten Schuss von einem Innenverteidiger, der zuletzt im Schulsport getroffen hat.
Besonders putzig finde ich die Vorstellung, dass Forschende nun gespannt verfolgen, welche KI beim Tippen gewinnt. Welche KI den WM-Sieger richtig vorhersagt. Als bekäme anschließend der Algorithmus den Goldenen Schuh und nicht Harry Kane. Sie rätseln über solche Dinge, wie warum Mistral – eine französische KI – trotz identischer Lerndaten Frankreich immer stärker einschätzt, als die amerikanischen oder chinesischen KIs. Gibt es digitalen Lokalpatriotismus?
Das aktuelle Ranking im KI-Tippspiel findet Ihr übrigens hier.
Fußball besteht halt eben nicht nur aus Daten. Fußball besteht aus Nervosität, Größenwahn, Schiedsrichtern, die plötzlich ihre Pfeife verlegen, und Mannschaften, die genau dann Weltklasse spielen, wenn niemand mehr mit ihnen rechnet. Das ist der Stoff, aus dem Fußballmärchen entstehen. Ein Albtraum für Statistiker. Und genau deshalb liebe ich dieses Spiel so sehr. Wenn ausschließlich Zahlen entscheiden würden, könnten wir die WM auch komplett in Excel mit ein paar Formeln und Makros berechnen lassen.
Übrigens: Auch ich mache bei dieser WM bei einem Tippspiel mit. Mit ein paar Freunden tippen wir jedes Spiel. Während ich diese Zeilen schreibe, liege ich auf Platz 4 von 7, also genau im Mittelfeld. Jürgen führt. Wahrscheinlich schon jetzt uneinholbar, weil er viele Endergebnisse erschreckend oft exakt vorhergesagt hat, was viele Punkte bringt. Fast so, als hätte er den Schiedsrichtern vor dem Spiel in der Kabine noch ein Scheinchen zugesteckt – was natürlich nicht stimmt. Sein Bauchgefühlt scheint einfach besser zu sein.
KI hat kein Bauchgefühl. Am Ende greifen alle KIs auf dieselben oder zumindest sehr ähnliche Daten zurück und müssten folglich auch zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Doch dann taucht plötzlich ein Außenseiter auf, wächst über sich hinaus und wirft sämtliche Prognosen über den Haufen. So etwas kann keine KI zuverlässig vorhersehen. Genauso wenig, wie irgendjemand damit gerechnet hätte, dass sich Donald Trump in die Fußball-WM einmischt … oh, warte.

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