Es gibt Tricks, die sind so simpel, dass man sich fragt, warum sie nicht längst Standard sind. Einer meiner Lieblingskniffe gegen Enkeltrick-Betrüger ist deshalb so unspektakulär wie effektiv: Speichert bei euren (Groß-)Eltern alle Freunde, Verwandten, Nachbarn, Handwerker und sonstige regelmäßige Anrufer ins Telefonbuch des Routers. Typischerweise wird diese Gruppe auch eher kleiner und wächst selten an. Anschließend stellt ihr ein, dass alle Nummern, die nicht im Telefonbuch stehen, direkt auf den Anrufbeantworter umgeleitet werden.
Das Schöne daran: bei Freunden, Bekannten und bekannten Nummern klingelt es und Mami und Papi/Oma und Opa können rangehen. Bei allen anderen piept es erst und ein echter Anrufer spricht auf den AB. Der Maler der Hausverwaltung sagt: „Guten Tag, wir kommen morgen zwischen acht und zwölf.“ Die Apotheke erklärt, dass das Medikament da ist. Selbst der Paketbote nuschelt tapfer in die Mailbox. Nur einer macht das nicht: der Enkeltrick-Betrüger. Der lebt schließlich davon, dass sein Opfer keine drei Sekunden Zeit zum Nachdenken bekommt. Ein Anrufbeantworter ist für solche Menschen wie Knoblauch für Vampire. Plötzlich muss man eine Nachricht hinterlassen, statt behaupten zu können: „Hallo Oma, ich bin’s!“
Ich fand diese Idee immer ausgesprochen charmant. Ein kleiner technischer Kniff, der große Wirkung entfalten kann. Bis ich nun lesen durfte, dass offenbar ein Arzt eine ganz ähnliche Methode entdeckt hat. Allerdings nicht zum Schutz älterer Menschen, sondern zur Sortierung seiner Patienten. Die Logik ist ebenso einfach wie kreativ. Offenbar wurde die Telefonanlage mit der Patientendatenbank verknüpft. Wer als Privatpatient im System mit seiner Telefonnummer hinterlegt ist, landet direkt bei einer Sprechstundenhilfe. Kassenpatienten oder Neupatienten nicht. Sie dürfen zunächst dem Anrufbeantworter ihr Herz ausschütten.
Moment mal, das ist doch exakt derselbe Trick?! Ich empfehle ihn, damit sich Senioren nicht von Betrügern überrumpeln lassen. Hier dient er dazu, Menschen in Kassen … Verzeihung … Klassen einzuordnen und unterschiedlich schnell ans Telefon zu lassen. So unterschiedlich der Zweck ist, so identisch ist das Ergebnis: Der Enkeltrick-Betrüger legt auf, wenn der Anrufbeantworter rangeht. Der Kassenpatient irgendwann auch. Das ist schon eine bemerkenswerte Karriere für einen Router-Trick. Eben noch Schutzschild gegen Kriminelle, jetzt Concierge für die private Krankenversicherung. Man könnte fast meinen, der Enkeltrick hätte eine Facharztausbildung gemacht.
Die Technik ist jedoch nicht schuld. Sie macht nämlich genau das, was sie soll: Bekannte Nummer? Bitte eintreten. Unbekannte Nummer? Erzählen Sie’s nach dem Piepton. Technik ist eben völlig wertfrei und weder gut, noch böse. Sie macht einfach das, was man ihr sagt. Die Moral programmiert immer noch der Mensch. Und genau deshalb sollte man bei solchen Ideen – ebenso wie beim Einsatz von KI, Palantir, Gesichtserkennung, DNA-Datenbanken, Verschlüsselung oder Drohnen – nicht nur fragen, ob sie funktionieren, sondern auch von wem – und für (oder gegen) wen sie eingesetzt werden.
Lieber Tobias,
Du hast es wieder mal (mit einem ganz einfachen Beispiel) auf den Punkt gebracht.
Danke!
Klingt toll – nun muss ich meiner Schwiegermutter (über 90) nur noch beibringen, wie sie den AB abrufen kann… 🤔 Daran wird es wohl scheitern.