Content mit Crema

Früher war ein Euro für einen Espresso kein Geschäftsmodell, sondern ein Versprechen. Man trat in Italien an den Tresen, bestellte einen »Caffè al banco«, legte eine Münze auf die Marmorplatte, trank im Stehen und diskutierte noch schnell über Fußball oder Politik. Ein Euro, zwei Schluck, drei Gesten – fertig war ein Stück Alltagskultur. Kein Login, kein QR-Code, kein »Bitte akzeptieren Sie unsere Cookie-Richtlinie, bevor Sie schlürfen«.

Und nun kommt Cotti Coffee aus China nach Europa und räumt den Kaffee-Markt von hinten auf: Cappuccino und Americano unter 2 Euro, Espresso für 99 Cent. Preislich liegt Peking also dort, wo Neapel seit Jahrzehnten steht – nur ohne Marmor, ohne Gestikulieren und vor allem nicht analog, sondern voll digitalisiert. Da kommen europäische Anbieter nicht mit. Tchibo-Bohnen werden immer teurer, keine Chance gegen Xi-bo Bohnen aus dem Reich der Mitte.

Bestellt wird bei Cotti nicht beim Barista, sondern in der App, bezahlt wird mit dem Smartphone und nicht mit der Münze. Während der Siebträger zischt, surrt das Geschäftsmodell. Denn Cotti verkauft nicht nur Kaffee. Cotti kauft Reichweite. Wer ein Selfie mit Becher in den sozialen Medien postet, bekommt den Espresso auch schon mal geschenkt. Aus 99 Cent werden null, wenn man sein Gesicht samt Markenlogo freiwillig ins Netz stellt. Ein Selfie mit dem Siebträger, ein Upload der Untertasse.

Der Kunde wird zur Litfaßsäule. Ganz nach dem Motto: »Espresso yourself«. Für eine Technik-Kolumne ist das spannend. Wir erleben hier die Plattformisierung des Koffeins. Der Espresso ist Lockmittel, die App ist das Einfallstor und das Selfie ist der Datenabfluss. Jeder Post erzeugt Sichtbarkeit, jeder Hafermilch-Hashtag ist kostenloses Marketing, jede Verlinkung ein kleines SEO-Geschenk. Während der Kunde glaubt, er spare einen Euro, zahlt er mit Metadaten, Reichweite und Gewohnheitsmustern.

Das ist kein Vorwurf, das ist schlicht die Logik moderner Plattformökonomie. In der IT nennen wir das Freemium-Modell. Kostenlos ist nie wirklich kostenlos, sondern querfinanziert durch Aufmerksamkeit, Daten oder Skaleneffekte. Der Kaffee wird zur API zwischen Marke und Konsument. Wer postet, integriert sich ins System. Wer liked, wird Teil der Infrastruktur.

Der Unterschied zum italienischen »Caffè al banco« könnte größer kaum sein. Dort war der Euro das Ende der Transaktion. Jetzt sind es Push-Nachrichten statt Zeitungsschlagzeilen oder dem Skandal im Viertel. Es sind Loyalty-Programme statt Zuruf. Und während man in Mailand, Rom oder Bologna vom Barkeeper wiedererkannt wird, erkennt dich bei Cotti nur der Algorithmus. Die eigentliche Disruption liegt also nicht im Preis, sondern im Prozess. Cotti verändert die Kultur. Und wir? Wir lächeln in die Kamera, weil wir glauben, ein Schnäppchen gemacht zu haben.

Aber ich habe Hoffnung. Bei Kaffee ist nicht immer nur die billige Koffein-Spritze oberstes Ziel. Mal sehen, ob wir das »Gefühl Italien« beim Espresso vermissen werden. Vielleicht stehen wir dann wieder öfter an einem Tresen, zahlen einen Euro, trinken im Stehen und gehen weiter – ohne Hashtag, ohne Upload, ohne Gamification. Wenn das passiert, hätte ausgerechnet ein digital getriebenes Kaffee-Start-up uns daran erinnert, dass ein Espresso kein Content-Paket ist, sondern ein Schluck echter Realität – mit Zucker natürlich, denn die Realität ist bekanntlich bitter genug.


Hinweis an alle Teilnehmer von „Ich lese bis zum Schluss.“: am Samstag habe ich alle Bücher bei der Post abgegeben. Sie sind also auf dem Weg zu Euch. Wer in zehn Tagen noch nichts erhalten hat, soll sich bitte bei mir melden (auch, wenn sonst was mit dem Buch ist). Zwei mal ist der „Digitale Tod“ unterwegs, alle (!) anderen werden „WTF?!“ erhalten, da der Verlag nicht mehr genug Exemplare von den „Nerds“ hatte – und leider nicht mehr nachdruckt. Dann noch eines: jeder Umschlag ist auf der Rückseite eigenhändig mit meinem Lieblings-Stempel gestempelt worden. Ich sag’s extra, weil es sonst wieder keiner merkt :-)

11 Kommentare zu “Content mit Crema

  1. Die Post war gerade da – vielen Dank für das Buch! Und der Hammer ist natürlich der Lieblingsstempel 🤣🤣🤣.
    Mal schaun, wann ich zum Lesen kommen – im Moment gibt’s andere Prioritäten 🤷.
    Weiter so mit den Artikeln – zu lesen gerne bei einem selbst gemachten Espresso!

  2. Digitaler Espresso aus Fernost, ich fass es nicht. Aber für Espresso für einen Euro muss man glaube ich weit laufen. Hier kostet er 3-4 Euro.

    Vielleicht wäre es an der Zeit, den Kindern und Jugendlichen in der Schule mal beizubringen, was es bedeutet, Arbeitsplätze in der westlichen Welt und eben nicht in Fernost zu sichern. Nicht bei Temu, Ali Express, Amazon und Co. zu bestellen, weil das Strukturen und damit auch Wohlstand zerstört, den ihre Eltern / Großeltern erarbeitet haben. Nicht einfach nur dagegen sein, wenn Engagagement für die Heimat (Wehrdienst oder ein soziales Jahr) abverlangt wird. Aber es ist ja viel bequemer gegen die ach so verschwenderische Art der Ältern zu demonstrieren, die ja das Klima zerstören. Dass sie in ganz erheblichem Umfang selbst dazu beitragen, weil immer mehr Rechenzentrumspower für KI und Co. benötigt wird, das will keiner wissen. Aber der Strom kommt bekanntermaßen ja aus der Steckdose.

  3. Vielen lieben Dank für‘s Buch, ist angekommen und der Stempel wurde irrtiert (Newsletter noch nicht gelesen) zur Kenntnis genommen. Auch der heutige Beitrag war wieder unterhaltsam und hat zum Denken angeregt.

  4. Lieber Tobias,
    heute kam dein Päckchen an, wofür ich mich ganz herzlich bedanke.
    Ich freu mich auf die Lektüre – und besonders über die persönliche Widmung. :-) UND: den Lieblingsstempel!
    Dein Newsletter jeden Montag ist für mich nicht nur amüsant, deine spannenden Themen sind auch Inspiration für Schulungen und Sensibilisierungen meiner Kollegen zum Thema IT und IT-Sicherheit.
    Am meisten aber liebe ich deinen Wortwitz, solche Sachen wie:
    … wer dort provoziert, bekommt keine Likes, sondern Begleitung …
    … und weil der Freund offenbar mehr Nerd als Notar ist, …
    … juristisch aber genauso wirksam wie ein Glückskeks …
    Herrlich!
    Vielen lieben Dank für die großartige Aktion!
    Liebe Grüße Thüringens Südzipfel
    Carola

  5. Hallo Tobias,

    das Päckchen ist auch bei mir angekommen, vermutlich irgendwann letzte Woche (war im Urlaub). Der Stempel hat mich etwas irritiert, bis ich diesen Beitrag hier gelesen habe 😂
    Danke für das Buch und natürlich die persönliche Widmung!!

    Viele Grüße,
    Jörg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.