Auffällig unauffällig

Früher nannte man es »Spazierengehen«. Heute heißt es »Umhergehen ohne Anlass«. Und wenn man Pech hat, meldet das künftig eine Kamera automatisch an die Polizei – per Algorithmus, in Echtzeit. Willkommen in Berlin, wo nicht mehr nur Taschendiebe und Dealer auffallen sollen, sondern auch Menschen, die… nun ja… einfach nur da sind.

Der Plan der Berliner Sicherheitsbehörden ist im Grunde simpel: Kameras beobachten Plätze wie das Rote Rathaus, das Abgeordnetenhaus oder bekannte Brennpunkte wie das Kottbusser Tor. Die Bilder landen nicht nur auf irgendeiner Festplatte, sondern laufen direkt durch eine Künstliche Intelligenz. Die soll das machen, was KI besonders gut kann: Muster erkennen und bei auffälligen Mustern Alarm schlagen – etwa, wenn jemand über einen Zaun klettert, verbotene Bereiche betritt oder einen verdächtigen Gegenstand abstellt.

Soweit klingt das noch nach klassischer Sicherheitstechnik, nur mit etwas mehr Rechenleistung dahinter. Interessant wird es allerdings bei den Feinheiten. Denn laut Ausschreibung soll die Software auch erkennen, wenn jemand »lange verharrt« oder »ohne Anlass umhergeht«. Was für ein wunderbarer Begriff. Fast poetisch.

Nur: Wie erkennt eine Maschine, ob ich einen Anlass habe? Und ob der Anlass legal ist. Vielleicht warte ich. Als Single auf ein Date. Oder als Dealer auf einen Kunden. Wie will die Kamera den Unterschied erkennen? An meiner Kleidung? Meinem Bart? Oder weil ich nervös die Hände in der Tasche knete? Aber warum bin ich nervös? Weil ich der Dealer bin und Angst vor einer Polizeikontrolle habe? Oder weil mein Tinderdate in der App schon so mega hot aussieht, dass Puls und Blutdruck durch die Decke schießen? Vielleicht überlege ich auch nur, ob ich links zum Asiaten oder rechts zum Döner gehe und kann mich nicht entscheiden. Oder ich tue etwas, das in einer Großstadt bislang völlig legal war: Ich laufe einfach herum. Einfach so. Ohne Grund. Ohne Ziel. Einfach nur, um die schöne Stadt zu genießen. Ach ne … sorry … das nicht … ist ja in Berlin.

Zudem ist da noch ein kleines Detail aus der Ausschreibung: Die Fehlalarmrate darf bis zu 25 Prozent betragen. Jeder vierte Alarm könnte also schlicht Unsinn sein. In der Sicherheitspolitik sagt man sich vermutlich: lieber einmal zu viel als einmal zu wenig alarmiert. In der IT nennt man 25 Prozent Fehlerquote anders. Da ist das ein Bug.

Nun könnte man zwar sagen: halb so schlimm, das ist ja nur ein Test. Ein Jahr lang soll die Technik laufen, danach wird man sehen, ob sie funktioniert. Das Problem mit Überwachungsinfrastruktur ist allerdings, dass sie selten wieder verschwindet. Kameras sind wie Bürokratie: Wenn sie einmal da sind, wachsen sie weiter.

Früher musste man etwas tun, um aufzufallen. Heute reicht es offenbar schon, einfach nur da zu sein. Und wenn die KI meldet, dass Sie »ohne Anlass umhergehen«, wissen Sie wenigstens endlich, was Sie falsch gemacht haben: Sie waren Mensch. Ein auffällig unauffälliger Mensch.

Ein Kommentar zu “Auffällig unauffällig

  1. Sehr treffend beschrieben, die Paranoia wächst wie Unkraut.
    Ich denke dabei oft an den Ausspruch von Politikern: „Wir lassen uns unseren Lebensstil nicht durch Terrorismus beeinträchtigen“
    Wie wahr … ? Wir gehen am Flughafen durch Personenschleusen, dürfen nur bis max. 100 ml Flüssigkeiten im Handgepäck mitnehmen, bei jedem Konzert werden wir durchsucht, Rücksäcke und Damenhandtaschen sind verdächtige Behältnisse auch schon bei einem simplen Kinobesuch … die Liste liesse sich noch länger fortsetzen mit Alltagseinschränkungen unseres Lebensstils.
    Da erscheint Einem die Echtzeitüberwachung im öffentlichen Raum ja nur noch als konsequente Fortsetzung, wenn nicht die größte Gefahr bei der Nutzung von künstlicher Intelligenz die natürliche Dummheit wäre …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.