Bis dass der Bot uns scheidet

Ein Mann verkauft sein gesamtes Hab und Gut, steigt in einen Bus und fährt 2.000 Kilometer quer durch Brasilien. Nicht etwa, weil er vor dem Finanzamt flüchtet oder vor seiner Schwiegermutter – nein, er ist verliebt. In Jessica, eine blonde, attraktive Farmerin, die auf TikTok gerne in knappen Höschen ihre Schweine füttert, offenbar wohlhabend ist und einen Mann sucht. Ein Traum für jeden Kerl, der sich zwischen Schweinestall und Schlafzimmer nicht entscheiden kann oder will.
Der 49-jährige Maurer Edimar Rocha Martins war jedenfalls hin und weg. Jessica versprach ihm ein gemeinsames Leben auf ihrem Bauernhof, wenn er denn zu ihr kommen würde. Also verkaufte Edimar alles und machte sich auf den Weg. Das allein war schon mutig. Getroffen haben die zwei sich ja noch nie und so eine Hochzeit auf den ersten Blick hält ja oft nicht lang, wie man auf Sat.1 regelmäßig sehen kann.
Aber die Beziehung sollte nicht an kleinen Streitigkeiten oder Animositäten scheitern. Das Techtelmechtel scheiterte an etwas ganz Wesentlichem. Jessica existierte gar nicht. Die Traumfrau war ein KI-generiertes Fantasieprodukt. Ihre inneren Werte bestanden aus Nullen und Einsen, wobei die Nullen wohl überwogen.
In Belo Horizonte angekommen, suchte Edimar verzweifelt nach seiner Angebeteten. Er zeigte Passanten Fotos, fragte herum und landete schließlich bei einem Radiosender. Dort erklärte man ihm, dass seine große Liebe ungefähr so real sei wie ein nigerianischer Prinz mit Überweisungsproblemen. Für die Rückreise fehlte Edimar inzwischen das Geld und die Behörden mussten ihm sogar aushelfen.
Jetzt könnte man natürlich herzhaft lachen. Wie kann jemand so naiv sein? Eine wunderschöne, reiche Blondine mit eigenem Bauernhof, die unbedingt einen unbekannten Maurer heiraten möchte? Da hätten selbst die Gebrüder Grimm Zweifel gehabt.
Aber ganz so einfach ist es nicht. Edimar war einsam, seine Mutter war gestorben, er suchte Nähe, Geborgenheit und einen Neuanfang. Und wer dringend geliebt werden möchte, überprüft nicht zuerst die Metadaten seiner Angebeteten. Diese Sehnsucht ist der perfekte Nährboden für digitale Täuschungen.
Die Geschichte wird aber noch absurder. Der Betreiber des KI-Profils behauptet nämlich, nie mit Edimar kommuniziert zu haben. Die virtuelle Jessica sei lediglich geschaffen worden, um Reichweite zu erzeugen und Produkte zu verkaufen. Dass jemand tatsächlich sein Leben für sie umkrempelt, war ja gar nicht vorgesehen. Sie (bzw. der Betreiber) schreibt keine WhatsApps oder E-Mails. Vermutlich hat ein Dritter unter ihrem Namen Nachrichten an Edimar verschickt, das ist aber ungeklärt.
Der brasilianische Maurer sucht übrigens weiter (s)eine Traumfrau. Ich hoffe nur, er fragt nächstes Mal erst nach einem Personalausweis und dann erst nach dem TikTok-Namen.

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