Die Nummer zur Nummer

Wenn Jungs früher Knutschen wollten, dann brauchten sie nur behaupten, dass sie eine total seltene Briefmarkensammlung haben. Die Mädels mussten dann nur selbst Interesse an abgelecktem Briefporto vorgaukeln, wenn sie auch Bock auf Knutschen hatten. Und wenn nicht, brauchten sie nur sagen, dass sie schon die ganzen Marken von Peter gesehen haben. So einfach war das. Klare Regeln, die jeder verstand. Heute sammelt niemand mehr Briefmarken. Die Zeiten ändern sich halt.

Ein paar Jahre später, wenn Petting oder mehr auf dem Programm stand, weil Knutschen was für Kinder ist, fragte man in der Disco nach der Telefonnummer. Wenn man die bekam, dann wusste man, dass wohl auch das Mädel Bock auf mehr hatte. So einfach war das. Klare Regeln, die jeder verstand. Aber auch hier haben sich die Zeiten geändert.

TelefonnummerMachen wir uns nichts vor. Telefonnummern sind wie Briefmarken ein Relikt aus der „guten alten Zeit“, als Anrufe noch durchgestellt werden mussten. Ich prophezeie mal, dass in fünf Jahren niemand mehr eine Telefonnummer braucht, um von jedem jederzeit erreichbar zu sein. Mit dem schleichenden Abschied vom Festnetz werden auch die Nummern langsam aber sicher aussterben. Das „Verbinden“ übernimmt ja auch schon lange nicht mehr das Fräulein vom Amt, das macht ein kluges Gateway-System. Smartphones, Tablets und Laptops werden also automatisch dafür sorgen, dass ein „Call“ auf jedem unserer Geräte klingelt, das uns gehört.

Die Zuordnung zwischen meinen Geräten und dem Eintrag in einem „Adressbuch“ erreicht man über das Annehmen einer Kontaktanfrage – da braucht man keine Nummer. Eine Email-Adresse oder ein Facebook-Account reicht. Und diese Verknüpfungen nimmt man einfach mit dem Adressbuch über die Cloud mit, wenn man sein Handy wechselt.

Telefonnummern sind sowieso völlig überbewertet. Kaum einer der jungen Generation kennt doch heute noch seine eigene Handynummer auswendig. „Ich rufe mich so selten an.„, höre ich immer wieder. Aber was bedeutet das für die Anmachphase in der Disco? „Darf ich Deine Nummer haben?“ „Klar, aber warte mal, ich kenn die gar nicht auswendig. Wo steht denn die? Hier … ne, warte. Hier … auch nicht. Weißt Du, wo? Ach so, Du hast ein Samsung und kein HTC … Mist. Ne tut mir leid. Wird nix mit uns heute Abend.“ Das ist der Grund des demografischen Wandels. Man könnte genau so gut fragen: „Wenn Du Bock auf Fummeln hast, dann nenne mir doch bitte die dritte Wurzel von 193.“ So wird das nie was mit dem Nachwuchs. Zum Glück gibt es Dating-Apps wie Tinder – da kommt man auch ohne Telefonnummer zur Nummer.


Nachtrag: Die 3. Wurzel von 193 ist übrigens 5,77899656515

Frage: Wer kennt noch die Rufnummer auf dem Bild – ohne Google? (Lösung)

Bildnachweis: Danny Hooks via Fotolia (bearbeitet)

2 Kommentare zu “Die Nummer zur Nummer

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