Daumenkino

Wenn ein kleiner Stapel Papier mit leicht variierten Zeichnungen über den Daumen gezogen wird und dabei die Illusion eines kurzen Trickfilms erzeugt, dann nennt man das Daumenkino. Vermutlich haben Daumenkinos nicht nur mich in meiner Kindheit fasziniert, sondern auch Stephen Wilhite, der Mitte März im Alter von 74 Jahren an einer Corona-Infektion verstarb. Wilhite hat etwas erfunden, das Sie sicherlich schon irgendwann einmal auf Ihrem Smartphone oder Computer genutzt oder zumindest gesehen haben.

Doch zunächst einmal ein wenig Nostalgie. Wir springen in die Achtziger Jahre zu einem Pionier zahlreicher digitaler Dienste: Compuserve. Compuserve war ein Internetanbieter der ersten Stunde und für Digitalfreaks, die ein Modem hatten, fast schon eine Selbstverständlichkeit. Als AOL Compuserve aufkaufte und mit Boris Becker („Bin ich schon drin?“) die Massen umwarb, macht das Unternehmen den Internetzugang auch für Laien zugänglich. Leider hört man den Namen Compuserve heute nicht mehr oft. Eine (kleine) Autowerkstatt hier in München, die mein Auto wartet, ist da eine Ausnahme – die ist immer noch über eine @compuserve.com E-Mail-Adresse zu erreichen – was mich immer wieder freut.

Der kürzlich verstorbene Stephen Wilhite arbeitete früher bei Compuserve, in einer Zeit, in der Datenübertragung per Modem einfach langsam war. Es galt also, jedes Byte zu sparen. Eine Gratwanderung, in einer Zeit, als „Multimedia“ im Online-Bereich gerade anfing zu hypen, auch, wenn es sich dabei nur um Bilder in geringer Auflösung und Pieps-Töne handelte.

Nach Angaben seiner Frau hatte Stephen Wilhite die Idee zu Hause, die er dann bei Compuserve in die Tat umsetzte. Sie revolutionierte die Online-Welt. Wilhite erfand ein neues Format, mit dem man Bilder platzsparend und ohne Verlust speichern konnte. Das Grafikformat, dass Wilhite ersann, hatte aber noch einen weiteren Vorteil. Man konnte nicht nur ein Bild in einer Datei speichern, sondern mehrere. Der Algorithmus merkte sich nur die Unterschiede zwischen den einzelnen Bildern. Das verringerte die Dateigröße enorm, insbesondere bei trickfilmähnlichen Animationen – ähnlich einem Daumenkino. Dank Wilhites Grafikformat und der klugen Entscheidung Compuserves, das Format nicht durch Patentkosten einzuschränken, wurden kurze Animationen im Netz populär – und sind es heute noch. Das Graphics Interchange Format – kurz GIF – kennt heute jeder.

In einem Interview mit der New York Times erzählte der Erfinder einmal, dass sein Lieblings-GIF ein tanzendes Baby in Windeln sei, das viele Digitalpioniere sicher noch kennen.

Und er stellte 2013 gegenüber der Times auch klar, dass „gif“ eigentlich „dschif“ ausgesprochen wird. „Mit weichem G. Punkt!“ sagte er. Ich habe GIF also 35 Jahre lang falsch ausgesprochen – und bin damit sicherlich nicht allein, stimmt‘s?

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