Vor etwas mehr als drei Jahren, im Januar 2022, starb Ali Mitgutsch, den viele noch aus ihrer Kindheit kennen. Ali, der eigentlich Alfons hieß und aus dem Allgäu stammte, war Grafiker und Designer. Und er malte Bilder für Kinderbücher. Bilder, in denen es nur so wimmelte von Männern, Frauen und Kindern. Von Hunden, Katzen, Einkaufswägen, Eisverkäufern, Sonnenschirmen und was es sonst noch so alles gibt in der Stadt, im Freibad, auf der Kirmes oder auf der Alm. Mitgutsch gilt als der Vater der Wimmelbildbücher.
Wimmelbilder überfordern uns Menschen visuell. Während unser Auge (und unser Hirn) auf ein kleines Detail achtet, kann es nicht zugleich das Ganze wahrnehmen. Und da es auf den meist großflächigen Wimmelbildern nur so wimmelt von kleinen, eingefrorenen Szenen, von belanglosen Vorkommnissen und spannenden Begegnungen, kann man sich stundenlang beschäftigen, um wirklich Alles zu entdecken.
Etwas sehr Ähnliches gibt es in der Medizin. Hier betrachten Ärzte in der Radiologie stundenlang Mammographien, Röntgenbilder und Aufnahmen anderer, bildgebender Geräte. Sie suchen nach Veränderungen im Gewebe oder Auffälligkeiten in kleinen Bereichen des Gesamtbildes. Fast wie bei einem Wimmelbild – nur halt viel Wichtiger im Ergebnis. Aber ähnlich anstrengend, wenn man kein Detail, keine »Szene« auslassen darf. Schließlich könnten dort die Anfänge einer bösartigen Veränderung zu erkennen sein.
Besonders gut, ja geradezu exzellent, in einer solchen Tätigkeit ist Künstliche Intelligenz. Eine KI ist spezialisiert darauf, Muster zu erkennen. Sie kann nach kleinsten Auffälligkeiten (Farben, Formen) in großen Bildmengen suchen. Schnell und deutlich effizienter, als das ein Mensch kann. Daher wird uns KI gerade in der Radiologie einen extrem positiven Schub bringen.
Diese Art der Auswertung von Bildern mit KI spielt aber nicht nur in der Medizin eine Rolle. Sie wird uns nun in vielen Bereichen des Lebens begegnen. In Italien zum Beispiel. Hier ist im September 2024 der italienische Arzt Nicola Ivaldo aus Ligurien bei einer Bergtour auf dem Monviso verschwunden.
Rund zehn Monate später ließ das Nationale Alpin- und Höhlenrettungskorps zwei Drohnen über den Berg fliegen. Sie schossen 2.600 Fotos aus rund 50 Metern Höhe und nahmen dabei 183 Hektar steiniges Gebiet auf.
Die KI benötigte gerade einmal fünf Stunden, um die Wimmelbilder mit einer Fläche von 255 Fußballfeldern aus gleichfarbigem Stein und Geröll auszuwerten. Auf einer Höhe von etwa 3.150 Metern, im rechten der drei Couloirs, die die Nordwand des Monviso über dem Hängegletscher durchschneiden, hatten drei Pixel eine andere Farbe, als zu erwarten war. Dieses »Muster« hatte die KI als unpassend markiert. Wie sich herausstellte, war es der Helm des verunglückten Bergsteigers, dessen Leiche kurz danach geborgen werden konnte.
Ohne KI wäre das nicht möglich gewesen – selbst mit jahrelangem Training durch die Wimmelbildbücher des Ali Mitgutsch in unserer Kindheit.

Da stellt sich die Frage: war das nicht zu seine Lebzeiten möglich?