Hier aßen schon Empörte 

Google Maps hat wieder geliefert. Nein, nicht die Route mit drei Baustellen und einer Vollsperrung. Diesmal liefert Google Transparenz, nämlich einen kleinen Zusatz unter den Bewertungen eines Restaurants, einer Firma oder eines Friseurgeschäfts. Dort steht jetzt, dass von sagen wir 1.500 Rezensionen mal eben 151 bis 200 „wegen Diffamierung entfernt“ wurden.

Natürlich gibt es echte Diffamierung. Das Internet ist voll von Menschen, die glauben, eine versalzene Suppe rechtfertige den Vergleich mit historischen Diktaturen. Dass man falsche Tatsachenbehauptungen löschen lassen kann, ist sinnvoll. Niemand sollte öffentlich lesen müssen, sein Restaurant serviere Waschmittel als Hauswein, wenn es in Wahrheit nur ein schlechter Riesling war. Solch absurde Anschuldigungen muss man entfernen lassen können. Eine 1-Sterne-Bewertung sorgt auf ein Jahr gesehen bis zu 1.000 Euro Umsatzeinbuße – hat mir mal der Betreiber des unter Eingeweihten „Steakhaus Böhme“ genannten Lokals in München erzählt.

Doch nun erfahre ich auch, wie viele davon mit Hilfe von Anwaltskanzleien, die sich „Löschkönig“ und ähnlich nennen, entfernt wurden. Die machen nämlich für 9,99 Euro pro Stück gleich jede Bewertung weg, die weniger als vier Sterne anzeigt – auch mit juristischem Druck auf die Autoren. Das kann ja auch nicht im Sinne des Erfinders sein, denn in vermutlich 99 Prozent der Fälle war der Gast wirklich unzufrieden, weil er ein kaltes Schnitzel, pappige Tagliatelle oder Cola ohne Kohlensäure vorgesetzt bekam. Und jetzt wissen wir, wie viele solcher unzufriedenen Gäste vom Betreiber ein Meinungsverbot bekamen. „151 bis 200 Rezensionen wurden wegen Diffamierung entfernt“. Herrlich.

Endlich bekommt der hungrige Mensch auf Restaurantsuche die wirklich relevanten Informationen. Nicht etwa, ob die Carbonara schmeckt oder die Toiletten funktionieren. Nein. Jetzt weiß ich: Irgendwo zwischen 151 und 200 Menschen waren offenbar so unzufrieden, so poetisch beleidigt oder juristisch unvorsichtig, dass ihre Rezensionen im digitalen Abfluss gelandet sind. Was mache ich mit dieser Zahl? Soll ich denken: „Spannend, was muss in dieser Küche passieren, damit Rechtsanwälte bis zu 200 Meinungen im Kommentarbereich bekämpfen?“ Die neue Google-Notiz sagt nichts darüber, ob die entfernten Rezensionen berechtigt, boshaft, absurd oder einfach von Dieter in Caps Lock verfasst waren. Sie sagt nur: Da war was.

Und trotzdem entfaltet diese Zahl eine magische Wirkung. 0 gelöschte Bewertungen? Klingt brav. 7 gelöschte? Ein Ausrutscher. 151 bis 200? Das ist kein Restaurant mehr, das ist True Crime mit Mittagskarte. Man klickt nicht weg, man klickt erst recht rein. Google wollte vermutlich informieren, erschafft aber vor allem Neugier. Die gelöschte Rezension ist die neue verbotene Frucht.

Am Ende hilft mir diese Information also exakt so viel wie ein Wetterbericht von gestern. Sie beantwortet keine einzige Frage, erzeugt aber mehrere neue. Und während ich noch überlege, ob ich dort essen soll, reserviert schon jemand anders – einfach, weil man wissen will, welches Risotto 200 Menschen zur Eskalation gebracht hat.

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