Werkzeuge der Erreichbarkeit

Seit ich mit dem Smartphone verwachsen bin, bin ich praktisch immer und jederzeit erreichbar. Das ist manchmal Segen, viel öfter jedoch Fluch. Angefangen hat meine Mobilfunkkarriere mit einem Handy der Marke Bosch. Diese Marke kennen junge Menschen – wenn überhaupt – nur aus dem Baumarkt. Für Bohrmaschinen. Aber sicher nicht für Mobiltelefone.

Damals gab es auch nur zwei Mobilfunkanbieter in Deutschland. D1 und D2, was vergleichbar ist mit früheren Fernsehzeiten, als es nur ARD und ZDF gab. Auch D2 habe ich immer mit dem Baumarkt in Verbindung gebracht. Schließlich hieß der Netzanbieter damals noch Mannesmann, was nicht nur ich, sondern sogar die Google Bildersuche mit Werkzeugkästen und Ratschenschlüsseln bebildert. Probieren Sie es ruhig mal aus.

Aber zurück zur mir und meinem Smartphone. Gestern habe ich mein iPhone upgedatet auf die aktuelle iOS Version 14. Das hat ein bisschen länger gedauert und nach dem automatischen Reboot lag das Gerät auch noch ein wenig rum und wartete, dass ich den PIN für die SIM Karte eintippe. Kurzum, ich war für ein paar Stunden nicht erreichbar. Dementsprechend habe ich auch die ein oder andere Nachricht verspätet gelesen. Gestern. Abends. An einem Sonntag.

Heute morgen um 08:10 Uhr erhielt ich dann die erste WhatsApp des Tages, die da lautete: „Haben sie dir das Internet abgedreht? Oder Handy geklaut?

Ganz ehrlich, ich weiß ja von wem es kommt, wie (nett!) es gemeint ist und ich mag den Absender ja wirklich gerne. Aber es zeigt doch ganz allgemein, dass wir mit unserer permanenten Erreichbarkeit über Jahre hinweg – seit Bosch und Mannesmann – eine Erwartungshaltung aufgebaut haben, die uns heute tagtäglich begleitet.

Vielleicht sollte ich mir abschauen, was Bill Murray gemacht hat. Der berühmte Schauspieler, bekannt u.a. aus „Lost in Translation“ oder „Täglich grüßt das Murmeltier“, wird heute 70 Jahre alt und hat schon vor einiger Zeit bewiesen, dass man sich aus der Umklammerung der ständigen Erreichbarkeit lösen kann. Bill Murray erzählte selbst einmal von dem Moment, der sein Leben änderte:  „Ich erinnere mich noch, als ich mal zu Hause lag, mich entspannen wollte und das Telefon ungefähr 75 Mal klingelte. Es war das Büro meines Agenten. Da dachte ich mir: Wer braucht jemanden, dessen Job es ist, dich in den Wahnsinn zu treiben?“ sagte er.

Murray feuerte seinen Agenten kurzerhand und schaffte sich eine Geheimnummer an. Nur wenige Menschen kennen diese Nummer und können dort anrufen. Allerdings ist die Kenntnis der Nummer noch lange keine Garantie, auch mit Murray sprechen zu können. Am anderen Ende der Leitung klingelt nämlich kein Telefon, dort wartet nur ein Anrufbeantworter. Und den, so wird erzählt, hört der Schauspieler nur sehr selten und unregelmäßig ab. Ob er zudem dann überhaupt zurückruft, berichtet die in Hollywood sicher nicht gerade für Telemarketing bekannte Familie Coppola, das sei obendrein „ein Glückspiel„.


Bildnachweis: Screenshot privat

Ein Kommentar zu “Werkzeuge der Erreichbarkeit

  1. Hmm, also vor D1 und D2 gab´s da auch noch das C-Netz. Ich habe mit einem „Mobiltelefon“ angefangen, das knapp die Größe eines Aktenkoffers hatte und das Gewicht mit Akkupack bei einem etwas längeren Fußmarsch schon mehr als nur ein wenig zu spüren war. Bereits da war die ständige Erreichbarkeit mehr Fluch als Segen.

    Wie wir mittlerweile konditioniert / abhängig sind merkt man erst, wenn das Smartphone mal nicht funktioniert oder es im Büro auf dem Schreibtisch liegen geblieben ist. Nichts mehr mit „Da schau ich kurz im Internet nach“ oder „Den ruf ich kurz mal an“, oder „Warte, ich schau kurz nach, ob auf der Strecke ein Stau ist“.

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