Waschen, bis der Admin kommt

Im Spinozacampus in Amsterdam leben etwa 1.250 Studenten. Sie lernen, feiern, saufen, kochen, rauchen und ab und zu putzen und waschen sie vermutlich auch. Hier wohnt Kevin, der auch Chantal heißen könnte, denn der echte Name ist weder mir noch der Polizei bekannt. Und wenn man nicht gerade „Sohn“ oder „Tochter“ von Beruf ist und mit Papas Porsche rumfährt, dann zählt im Studentenwohnheim jede Münze. Das betrifft nicht nur das Mensaessen oder den Cappuccino im Lieblingscafé, sondern auch das Waschen der eigenen Wäsche.

Kevin hatte keine Lust mehr, für jeden Schleudergang einen Euro in die Waschkarten-Ladestation zu stecken. Stattdessen steckte er seine Nase lieber in die Technik – oder besser gesagt: in das Protokoll der Waschmaschine. Denn die war „smart“. Und wie so oft bei smarten Geräten bedeutet das vor allem eines: Sie ist online. Und online heißt in vielen Fällen leider auch: angreifbar.

Eines vorweg: Unser Kevin hat sich vermutlich nicht in die dunklen Tiefen des Darknets begeben. Er hat auch keine Computerviren in Hackerforen gekauft oder CIA-Tools verwendet. Nein, vermutlich reichte ein bisschen Netzwerkanalye, etwas Hacking oder sogar nur der gute alte Google-Suchschlitz nach dem Standardpasswort völlig aus.

Solch smarte Waschmaschinen kommunizieren in der Regel munter über MQTT, ein leichtgewichtiges Protokoll, über das sich smarte Geräte im Internet der Dinge „unterhalten“ und Parameter austauschen. Es ist für die Kommunikation zwischen Geräten mit begrenzten Ressourcen entwickelt worden. Also eher für Temperaturfühler als für ein komplexes Zahlungssystem einer Waschmaschine. Und frühere Fälle zeigen, dass diese Schnittstellen oftmals schlecht oder gar nicht abgesichert sind.

Aber wie auch immer. Kevin konnte die Waschmaschinen beliebig starten. Nicht über den Knopf, nicht über die Smartcard mit dem Waschguthaben, sondern vermutlich per Handy. Und zwar zu jeder Zeit und jederzeit kostenlos. Sie können sich sicher vorstellen, was passierte, als diese Nachricht durchs Wohnheim sickerte. So viele sauber Pullover und Unterhosen hat es auf dem Spinozacampus vermutlich noch nie gegeben. Überall duftete es nach frischer Wäsche. Perwoll und Lenor müssen Umsatzexplosionen gehabt haben. Im Gegensatz zu Duwa, dem Betreiber des Studenten-Wohnheims. Die blieben auf den Kosten der kostenlosen Waschvorgänge sitzen (Strom, Verschleiß) und zogen daher so dermaßen die Notbremse, dass es Bremsstreifen in den Unterhosen gab. Denn: Die smarten Waschgeräte wurden abgebaut.

Seit Mitte Juli stehen den Studentinnen und Studenten nur ein paar alte, analoge Waschmaschinen zur Verfügung. Weitere sind zwar bestellt, aber noch nicht geliefert. Leider streiken die alten Maschinen aber manchmal, das berichtet jedenfalls das studentische Nachrichtenportal Folia. Es gibt Tage, da steht den über 1.000 jungen Menschen nur eine einzige funktionierende Maschine zur Verfügung.

Und schon ist es wie früher. In Amsterdams Studentenviertel duftet es nicht mehr nach Aprilfrische, Lavendel oder Sommerbrise. Es riecht wieder wie an jeder anderen Uni auch: Nach Schweiß, angebrannten Ravioli, nach Holzkohlegrill und nach Gras.


Bildnachweis: Pixabay von Ryan McGuire

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