Telegram für den Knast

Der Messengerdienst Telegram sorgt aktuell für Schlagzeilen, weil einige Querdenker und „Spaziergänger“ darüber illegale Inhalte verbreiten oder zu Straftaten aufrufen. Die Polizei wüsste daher gerne, wer diese bösen Telegram-Nutzer sind, um sie ins Gefängnis zu werfen. Der russische Gründer von Telegram betreibt seinen Dienst jedoch über einen Briefkasten in Dubai und gibt auch keine Daten von Nutzern raus. Die Ermittler verfolgen daher jetzt einen anderen Ansatz. Sie gehen im Netz vermehrt auf Streife, enttarnen diejenigen, die illegale Inhalte über Telegram verbreiten – und stecken sie dann in den Knast. Und da Smartphones hinter Gittern verboten sind, müssen die Typen dann auf einen anderen, einen ganz speziellen Messenger umsteigen. Doch dazu gleich mehr.

Die Idee, sich überhaupt kurze Nachrichten per Telefon zu senden, ist schon älter. Friedhelm Hillebrand, damals Mitarbeiter des Telekom-Vorgängers „Deutsche Bundespost“, hat um 1985 die SMS erfunden, mit der bis zu 160 Zeichen lange Texte übertragen werden. Die maximale Länge von 160 Zeichen legte Hillebrand übrigens mehr oder weniger willkürlich fest. Unter anderem orientierte er sich an Postkarten und stellte fest, dass darauf auch nur selten mehr als 160 Buchstaben stehen. Die allererste SMS, die vom britischen Vodafone-Techniker Neil Papworth 1995 versendet wurde, war hingegen kürzer: „Merry Christmas“ schrieb er seinem Chef.

Den coolsten Messenger nutzen meines Erachtens aber Knackis. Da Computer, Handys und Smartphones im Gefängnis bekanntlich untersagt sind, stellt sich nur die Frage, womit sie chatten. Die Antwort ist so simpel wie genial – und wurde bereits in den 1970ern von Technikern der BBC entwickelt: Teletext. Viele Sender bietet einen Teletext-Chat an. Registrierte Nutzer schicken per SMS eine Nachricht und diese wird dann im Teletext angezeigt.

Will jemand seinem Partner hinter Gittern also mitteilen, wie der Tag draußen so war und wie es den Kindern geht, dann klappt das darüber. Die Knackis müssen lediglich zur abgesprochenen Zeit den Teletext anmachen und können dann die Nachricht lesen – nur antworten können sie mangels eigenem Handy halt nicht.

Schauen Sie doch mal selbst rein, besonders am frühen Abend zur vollen oder halben Stunde z.B. auf RTL Text Seite 673. Oder ab 21 Uhr. Da geht’s dort so richtig ab, denn da sind dann wohl die Türen zu.

Tja, ihr bösen Jungs und Mädels auf Telegram: nach einer Verurteilung müsst ihr also nicht nur Euren Vorhang durch (schwedische) Gardinen und den „Spaziergang“ durch den Hofgang tauschen, sondern auch noch das Smartphone durch die Fernbedienung.

Nachtrag: 09.02.2022 – wie ich eben aus verlässlicher Quelle erfahren habe, haben Gefängnisse in Bayern nur TV-Geräte ohne Teletext. Die Fernseher stellt die Anstalt, Privatapparate sind nicht zugelassen.


Bildnachweis: RTL Teletext 02.02.2022 ca 17 bis 19 Uhr, Collage selbst erstellt

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