Gefeliciteerd

Wenn ich so an Holland denke, dann brennt in mir ein wahres Feuerwerk an Klischees ab. Ich denke an erfolgreiches Feldhockey und weniger erfolgreichen Fußball. Ich denke an die Farbe Orange ebenso wie an Wohnwägen, an die Grachten, Frau Antje und lecker Käse, an gelbe Nummernschilder und an Wörter mit „ch“-Laut am Anfang, die sich für mich anhören wie Räuspern, und die ich nicht ansatzweise korrekt aussprechen kann.

Woran ich bei den freundlichen Nachbarn hinterm Deich nicht unbedingt als Erstes denke, ist das Knacken von verschlüsselten Datenträgern. Und doch ist dem Niederländischen Institut für Forensik (NFI) ein weltweit aufsehenerregender Coup gelungen. Die Wissenschaftler um Francis Hoogendijk schafften es, den verschlüsselten Speicher des EDR, des Event Data Recorders, in Tesla-Fahrzeugen zu knacken. Das ist eine Art Blackbox, wie man sie von Flugzeugen kennt. Hier werden alle Parameter einer Autofahrt gespeichert. Also nicht nur die Geschwindigkeit, auch die Lenkradstellung und die Winkel der Pedale – also wie weit durchgedrückt sie wann sind.

Damit kann man im Falle eines Unfalls feststellen, ob der Fahrer des Teslas zu schnell unterwegs war oder wann vor einem Auffahrunfall reagiert und die Bremse betätigt wurde. Das ist wichtig, weil Tesla eine Art Auto-Pilot-Funktion hat, bei der der Fahrer jedoch jederzeit eingreifen können muss. Viele YouTube-Videos zeigen aber Fahrer:innen, die Schlafen oder sich Rasieren, während das Auto über den Highway braust. Mit diesen Informationen kann man ihnen dann die Schuld am Unfall nachweisen. Tesla gibt die Daten daher bei einer entsprechenden Anfrage heraus, allerdings nur die letzten fünf Sekunden vor dem Aufprall. Den Wissenschaftler:innen des NFI in Den Haag ist es nun gelungen, alle gespeicherten Daten zu entschlüsseln und auszulesen – und eben nicht nur die der letzten fünf Sekunden.

Dadurch gelang es ihnen, einen Unfallhergang zu rekonstruieren, bei dem der Fahrer eines Tesla vor einem Auffahrunfall vermeintlich zu spät reagiert hat. Das konnten die Wissenschaftler:innen widerlegen. Dass es trotz rechtzeitiger Reaktion zum Unfall kam, lag an dem vom Autopilot des Fahrzeugs (!) zu gering gewählten Abstand. Die Schuldfrage sieht daher ganz anders aus. Die Arbeit der niederländischen Informatiker:innen ist ein Meilenstein. Ich ziehe mit Respekt meinen Hut, sende Blumen ans NFI nach Den Haag und singe: „Denn was mein Mund nicht sagen kann, sagen Tulpen aus Amsterdam“ Nämlich: Glückwunsch. Oder auf Holländisch: „Gefeliciteerd“ … mit „ch“ am Anfang.


Bildnachweis: Screenshot aus diesem YouTube Video

Ein Kommentar zu “Gefeliciteerd

  1. Na dann wird sich Elon Musk wohl eine neue Verschlüsselungstechnik suchen müssen. Denn freiwillig werden die sich nicht nochmal beweisen lassen wollen, dass ihr Fahrzeug/ ihre Technik Schuld ist.

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