Darf ich Sie mal was fragen?

In den Wochen vor der Bundestagswahl hatte eine Berufsgruppe Hochkonjunktur: Die … ja wie heißen die eigentlich? Die, die Umfragen machen. Die meine ich. Umfragen kann man auf verschiedene Arten machen. Man kann Leute anrufen und ausfragen. Man kann sie anmailen und auf eine Umfragewebseite lotsen. Oder man kann sie auf der Straße ansprechen und befragen.

Für viele Umfragen ist eine niedrige Teilnehmerzahl ein großes Problem. Insbesondere dann, wenn nicht nur die Anzahl der Befragten eine gewisse Menge erreichen soll, sondern diese Menschen auch noch den Durchschnitt der Bevölkerung darstellen sollen – wenn die Befragung also repräsentativ sein soll. Man braucht junge farbige Frauen genauso wie alte weiße Männer. Zudem aus jeglicher Bildungsschicht. Und obendrein dann noch im richtigen Mischverhältnis des echten Lebens.

Vermutlich hat man als Fragesteller tendentiell eher zu wenig Teilnehmer an einer Studie, als zu viele. Und da nehme ich mich als Ursache nicht aus. Wenn ich von jemandem mit Fragebogen angesprochen werde, dann winke ich meist ab. Höflich zwar, aber bestimmt. Die Umfrage muss ohne meine Daten auskommen. Analoge Datensparsamkeit quasi.

Es ist also gar nicht so einfach an eine gute Menge Probanden zu kommen, damit man die Daten einer Umfrage hochrechnen kann. Die Umfrageinstute müssen wohl einfach geduldig sein.

Oder man hat ein Tik Tok-Video, wie das von Sarah Frank. Der Teenager aus Florida hat am 23. Juli ein 56-Sekunden-Video veröffentlicht, in dem sie ihre Follower auf die Webseite prolific hinweist. Auf prolific gibt es Umfragen, die man beantworten kann, um Wissenschaftler zu unterstützen oder sich – auch das gibt es – für die Beantwortung ein paar Dollar bezahlen zu lassen. Das Video von Sarah Frank wurde mittlerweile weit über 4 Millionen Mal angesehen und hat so zehntausende Menschen auf die Umfrageseite gelotst. Und die füllen einen Online-Fragebogen nach dem anderen aus. Eigentlich sollten die Menschen hinter den Umfragen jetzt glücklich sein, doch das sind sie nicht. Sie sind total irritiert, denn die Daten sind größtenteils nichts wert. Sarah Franks Video hat laut prolific-Gründer Phelim Bradley ganze 4.600 Studien zerstört.

Der Grund ist einfach. Kannten Sie vor diesem Artikel diese Sarah Frank? Nein? Sehen Sie. Die, die sie kennen (und jetzt fleißig Fragebogen ausfüllen) sind praktisch ausschließlich junge Mädchen aus den USA, die ihr digitales Leben mit Tik Tok-Videos verbringen. Und das ist nunmal nicht der Durchschnitt der Gesellschaft. Die Wisschenschaftler auf prolific hätten gerne mehr Diversität und einen repräsentativen Durschnitt der Bevölkerung. Die sehnen sich geradezu nach Typen wie mich. Alter, weißer Mann gesucht … wer hätte das gedacht.

2 Kommentare zu “Darf ich Sie mal was fragen?

  1. Nun ja, solche Menschen wie Sarah Frank sind heutzutage doch gar nicht mal so selten. Ganz viel Meinung, bei ziemlich wenig oder auch gar keinem Wissen. Die Beiträge in den sozialen Medien sind voll davon..

  2. Die vielen Umfragen vor der Wahl empfand ich eher als störend, da eine Bundestagswahl kein Pferderennen ist.
    Ich hätte eine sachliche Auseinandersetzung über Themen wie Bildungswesen, Umweltschutz, Digitalisierung mit Breitbandausbau, Gesundheitswesen, Wohnungsnot in den Ballungsräumen, Verkehrswende, etc., bevorzugt.

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