Wenn der Hacker zweimal klingelt

Jack Nicholson spielte nicht nur in »Shining«, sondern auch im Klassiker »Wenn der Postmann zweimal klingelt«. In Wien hat jetzt auch jemand zweimal geläutet. Allerdings war das nicht der Postmann, sondern ein Hacker.

Als Münchner ist mir das Österreichische sehr nah. Früher, als im Fernseher auf 3 noch das Dritte programmiert war, kamen auf 4 und 5 nicht SAT.1 und RTL, sondern ORF 1 und 2. Es gab Sendungen wie »Am Dam des« mit Enrico dem Clown, die legendäre ZIB 2, den Grantler Mundl und Formel 1 ohne Werbung. Mein Lieblingswort auf Österreichisch ist übrigens Mistkübel … also Mülleimer. Im schönen Wien gibt es außer Schnitzel noch ein paar andere schöne Dinge. Den Stephansdom zum Beispiel. Eine gotische Kirche aus der Zeit von 1365. Und diese alte Kirche wurde kürzlich gehackt, weil sie online ist.

Im Stephansdom gibt es mehrere Glocken. Am bekanntesten ist die Pummerin, eine Wuchtbrumme an Glocke, die in jedem Reiseführer gelistet ist. Sie ist die drittgrößte, freischwingende Glocke Europas. Zusätzlich gibt es noch weitere Glockenspiele, die auch ordentlich Krach machen können – besonders, wenn sie in der Nacht geschlagen werden.

Am 16. März passierte genau das. Um 2:11 Uhr begann im Südturm das Festgeläut zu bimmeln und kurz danach das barocke Geläut im nördlichen Heidenturm. Dompfarrer Toni Faber bekam zuerst gar nichts mit. Er schlief den Schlaf der Gerechten und überhörte sogar einen Anruf von Kardinal Schönborn. Wie in anderen Kirchen auch, muss der Dompfarrer heutzutage nicht mehr wie zu Quasimodos Zeiten den Turm hochhetzen, um die Glocken zu läuten. Heute nutzt man eine Software auf einem Tablet, um das Gebimmel an- oder abzuschalten, was Pfarrer Faber dann auch tat.

Am Anfang ging man von einem technischen Defekt aus. Heute weiß man, dass den ein oder anderen Wiener ein Schlawiner um den Schlaf gebracht hat. Von einem Hackerangriff ist die Rede, von einem unerlaubten Zugriff auf das Glockengebimmel-Steuerungsmodul über den Fernwartungszugang der Innsbrucker Glockenfirma. Das jedoch halte ich nur für die halbe Wahrheit. Ein offener, von jedem erreichbarer Fernwartungszugang, der von einem »Hacker« genutzt wird, ist in den allerallerallerallermeisten Fällen kein Hack, sondern eine Schlamperei, die mit einem Standard- oder Default-Passwort ausgenutzt wird.

Der Zugang zur Glockensteuerung wird ab sofort mit einem neuen Passwort und einer direkten VPN Verbindung geschützt. Auch das ist eine gute Möglichkeit und kein Hexenwerk.

Die Pummerin, also die große Glocke, war übrigens nie mit dem Internet verbunden. Schade eigentlich. Denn wenn die geläutet hätte, dann wäre wohl halb Wien geweckt worden. Und Reinhard Fendrichs Klassiker »Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen?« wäre wieder in den Top10.



Bildnachweis: https://de.wikipedia.org/wiki/Pummerin#/media/Datei:Pummerin_Stephansdom_Vienna_July_2008_P02.jpg

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