Verspätung

Anfang der 2000er Jahre begann das WWW multimedial zu werden. Es war die Zeit, in der uns Robert T-Online superschnelle Datenübertragung versprach und AOL sogar Boris Becker ins Internet brachte. Der Spruch „Bin ich schon drin, oder was? Das ging ja einfach!“ wurde zum Klassiker. Den meines Erachtens größten Verdienst daran, dass bunte Bilder, kleine Animationen, die ganzen Sounds und Mini-Spiele sowie animierten Webseiten in unserem Browser abliefen hatte jedoch jemand anderes: Das Flash Plugin von Adobe nämlich, aus dem Jahr 1996.

Flash war die Büchse der Pandorra, den ohne es lief fast gar nichts mehr im Web. Mit ihm lief aber dank hunderter gravierender Sicherheitslücken auch nicht immer alles. Flash wurde geliebt von den Usern für tausend Möglichkeiten und gehasst von jedem Sicherheitsverantwortlichem.

Dann das Ende von Flash. Vor elf Jahren, im April 2010 meckerte der damals noch quicklebendige Steve Jobs über Flash. Ein halbes Jahr später verbannte Apple Flash von seinen Macbook Airs, später dann vom iPhone und dem iPad. Das war nachvollziehbar, über die Art und Weise wie Apple seine Macht ausspielte, konnte man jedoch diskutieren. Aber: Spätestens 2010 war klar, dass jeder Webseitenanbieter, der Flash nutzte, sein System umstellen musste. Der Bestatter war bereits bestellt.

Trotzdem hielt sich Flash noch erstaunlich lange. Erst 2017 kündigte der Hersteller das Ende von Flash an. Alternativen wie HTML-5 taten ihr übriges dazu. Am 12.Januar 2021, nach 25 Jahren, war es dann kürzlich tatsächlich so weit. Flash wurde abgeschaltet. Alle noch irgendwo auf der Welt installierten Flash-Player weigerten sich, zu arbeiten. Flash war endgültig Geschichte.

Drei Jahre, von 2017 bis 2020 hatten die Entwickler also Zeit, ihre Webseiten Flash-frei zu machen. Einige haben das angekündigte Ende trotzdem übersehen. Das Steuersystem in Südafrika läuft zum Beispiel noch mit Flash. Da das – völlig überraschend – nun nicht mehr geht, hat sich die Behörde etwas einfallen lassen. Sie hat für seine Kunden einfach einen eigenen Browser entwickelt, der Flash kann.

Härter hat es die chinesische Stadt Dalian getroffen. Das Eisenbahnnetz der Stadt wurde mit in Flash programmierter Software gesteuert. Nachdem das Plugin am 12.Januar stillstand, taten das auch die Züge. Nichts fuhr mehr. Die anscheinend völlig überraschten IT-Verantwortlichen beschrieben ihren 20-Stunden langen Kampf gegen das Flash-Ende in heroischen und typischen Worten der chinesischen Propaganda. „Nach dutzenden Stunden harter Arbeit gelang es, eine alte Flash Version zu finden und zu installieren, die das Endedatum 12.01.21 noch nicht kannte.“ Wie viele hundert Sicherheitslücken sie sich damit wieder eingespielt haben kann man nur erahnen. Wenigstens fahren in Dalian die Züge wieder pünktlich.

Übrigens, dass die Verspätungen der Deutschen Bahn mit dem Ende von Flash zu tun haben, glaube ich persönlich nicht. Meines Wissens läuft der Flash-Player nämlich erst auf Systemen mit mindestens Windows 95.

2 Kommentare zu “Verspätung

  1. Seit die Bahn ihre IT in die Amazon und Microsoft Cloud verlagert hat, klappt bei denen jetzt zumindest schon mal die App.

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