Wenn Menschen den Notruf wählen, dann klingt das selten wie der Anruf bei der Schwiegermutter. Niemand sagt da: „Guten Tag, ich hätte da einen mittelschweren Wohnungsbrand im Nachbarhaus. Interesse?“ In der Realität hört die Leitstelle Atemnot, Panik, Geschrei – und versucht daraus in Sekunden zu erraten, ob jetzt ein Rettungswagen reicht oder gleich die (halbe) Feuerwehr anrücken sollte. Genau deshalb ist eine neue Funktion beim Notruf, die jetzt in Freiburg vorgestellt wurde, ausnahmsweise mal ein Digital-Feature, das nicht primär dafür entwickelt wurde, uns noch schneller Werbung für Turnschuhe oder Katzenfutter zu personalisieren.
Die Idee ist so simpel wie brillant: Wer mit einem Android-Smartphone einen Notruf absetzt, kann auf Anfrage der Leitstelle mit einem Fingertipp ein Livebild aus der Handy-Kamera übertragen. Kein App-Zirkus, kein „Bitte akzeptieren Sie schnell noch 37 Berechtigungen und drei Cookie-Banner, bevor Sie verbluten“. Die Leitstelle sieht direkt, was los ist, kann die Lage präziser einschätzen. Ganz anders, als wenn panische Menschen Dinge in Worten beschreiben, die letztlich so präzise sind wie ein Wetterbericht im April. Google nennt das »Emergency Live Video«. Die Leitstelle Freiburg nennt es sinngemäß: Augen statt Rätselraten.
Natürlich kommt sofort die Datenschutz-Fraktion aus dem Gebüsch gesprungen und fragt: »Geht da was mit Überwachung?« Die Antwort ist erfreulich unspektakulär. Die Videoübertragung wird nur im Notfall angefragt, ist verschlüsselt, muss aktiv bestätigt werden und lässt sich jederzeit stoppen. Ein schlichtes, einfaches Werkzeug, das in der Hektik einer Notlage aus »Da ist irgendwas mit Rauch!« ein belastbares Lagebild macht. Und das ist im Rettungsdienst so wertvoll wie ein starkes Passwort im Internet.
Über 50 Jahre hatte sich in der Art der Kontaktaufnahme kaum etwas getan. Eingeführt wurde der Notruf am 20. September 1973, weil vier Jahre zuvor der 8-jährige Björn Steiger starb. Seine Retter benötigten aufgrund unzureichender Kommunikation über eine Stunde zum Unfallort. Heute können einen die Retter über das Handy sofort orten (darüber schrieb ich erst kürzlich an dieser Stelle). Das Live-Video ist nun die nächste logische Ausbaustufe, wenn eh schon jeder eine Kamera mit sich trägt.
Leider nicht ganz so toll ist die Tatsache, dass die neue Funktion bei Android und iPhone nicht identisch funktioniert. Während Android das Ganze nativ ins Betriebssystem eingebaut hat, läuft es bei iOS derzeit noch über einen SMS-Link während des Notrufs. Hoffentlich wird das bald geändert. Denn das ist ein bisschen so, als hätte Android den Defibrillator gleich integriert, während man bei Apple die Reanimationsanleitung per Faxgerät schickt. Funktionieren kann natürlich beides, aber eines davon klingt eher nach Neandertal als nach digital.
Aber noch etwas: das ewige Abfilmen seines Essens für Social Media ergibt jetzt endlich einen Sinn. Das Video-Short für Instagram von der Hähnchenkeule im Ristorante Mario ist eigentlich nur Training für den Ernstfall. „Hallo Notruf? Schauen Sie sich mal diesen offenen Oberschenkelbruch an. Gefunden in einem anthrazitfarbenen Golf GTI auf der A9 bei Kilometer 44. Die Unfallstelle ist gesichert. Ich gebe 5 Sterne!“