Mit runtergelassenen Hosen

Professor Robert Kelly wurde 2017 über die Grenzen Großbritanniens hinaus bekannt, als seine Tochter singend ins Zimmer tanzte, als gehöre Papas Arbeitszimmer ihr ganz allein. Prof. Kelly wurde in diesem Moment gerade live von den Nachrichten der BBC News interviewt und das Video mit der entspannt am Schreibtisch lehnenden Tochter ging anschließend viral, denn hinter ihr schlurfte auch noch ihr Bruder im Laufstall ins Zimmer.

Kurze Zeit später sah man eine junge Frau ins Bild schlittern, die die zwei Kinder geduckt aus dem Zimmer schleifte – in der falschen Annahme, sie sei so nicht zu sehen. Einige Medien, die über den Vorfall berichteten, schrieben, dass das asiatische Kindermädchen wohl einen kurzen Moment unachtsam war.

Doch die Schlagzeilen waren falsch. Wir haben uns getäuscht.

Doch das ist nichts Neues. In Videokonferenzen werden wir andauernd getäuscht. Egal ob in Zoom oder Teams, viele Menschen täuschen durch Einblendung eines falschen Hintergrundbildes vor, im Büro zu sein oder am Strand. Tatsächlich sitzen sie zu Hause am Frühstückstisch – mit schönem Hemd oder Bluse zwar. Allerdings auch viele ohne Hose. Gemäß einer Umfrage vom Mai 2020 tragen 10% bei Videokonferenzen keine Hose. In Worten: Zehn Prozent! Krass, oder? Merkt ja keiner, solange niemand aufsteht. Und wenn doch jemand aus Versehen aufsteht und die anderen Teilnehmer teilhaben lässt, wie der heutige Schlüppi aussieht, dann findet der sich schneller auf YouTube in einem lustigen und peinlichen Video wieder, als ihm oder ihr lieb ist.

Ein YouTuber, der unter dem Pseudonym „Everything is hacked“ bekannt ist, hat nun eine Lösung für dieses Problem entwickelt. Er hat ein Zusatzprgramm (Add-on) gebaut, das automatisch den Hüftbereich einer Person in Videokonferenzen erkennt. Schlägt der Filter an, weil jemand aufsteht, wird von da an abwärts alles im Bild unscharf gemacht oder mit einer künstlich eingeblendeten Hose überdeckt.

Sollte also jemand nur in Unterbuxe oder – Himmel bewahre – sogar ohne selbige aufstehen, dann werden die Kolleg:innen in der Videokonferenz ab sofort nicht mehr erschreckt. Ein Segen!

Doch zurück zu Prof. Kelly, der zu Weltruhm kam, weil – so hieß es spontan in vielen Medien – das asiatische Kindermädchen nicht auf die Kinder aufgepasst hatte. Bei der Frau handelte es sich gar nicht um das Kindermädchen der Familie Kelly. Es war Jung-a Kim, die koreanische Ehefrau von Prof. Kelly, die da hektisch – und überaus lustig – ins Bild schlitterte.

Ich muss gestehen, dass auch ich die Information mit dem Kindermädchen anfangs gar nicht hinterfragt habe. Da sieht man mal, wie festgefahren man im Kopf ist. Wir sollten uns von festgefahrenen Klischees loslösen. Uns quasi freimachen …. Und zwar im Kopf. Nicht untenrum, auch wenn es dafür jetzt ein schützendes Add-on gibt.


Bildnachweis: Screenshot (bearbeitet) aus dem YouTube-Video

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