Laut ist out

Im April diesen Jahres hat das Parlament in Genf darüber beraten, ob und wie es Autoposer bestrafen kann. Also diejenigen Verkehrsteilnehmer, die bevorzugt zu späten Abendstunden mit aufgemotzten Autos röhrend und mit quietschenden Reifen an Bars oder Cafe vorbeidröhnen, um aufzufallen und die dadurch Anwohner aus dem Schlaf reißen. Dabei geht es dem Parlament gar nicht um das Bestrafen an sich, wenn die (vermeintlich) meist jungen Männer geradezu brunftähnlich ihr PS-Geweih zur Schau stellen. Es geht wohl eher darum, diese Typen auch zu erwischen.

Denn: Laute Auspuffanlagen sind ebenso wie unnützes Hin- und Herfahren schon längst verboten. Letzteres wird in Deutschland in § 30 Abs. 1 Satz 3 der Straßenverkehrsordnung schon lange mit einem Verwarngeld von 20 Euro geahndet. Nun ja … wenn man den Täter denn überhaupt erwischt. Denn laut geröhrt ist schnell (und kurz), da müsste eine Polizeistreife schon in nächster Nähe stehen.

Die Schweizer haben deshalb den Einsatz eines Lärmblitzers angeregt, welcher bereits im Pariser Vorort Villeneuve-le-Roi getestet wird. Das System kann die Sirene eines Rettungswagens vom Röhren eines aufgemotzten Auspuffs unterscheiden. Knattert dann ein auffrisierter Auspuff vorbei, versucht das System den Verursacher zu orten. Vier Richtmikrofone, drei davon angebracht wie die Kanten einer Pyramide, erfassen nämlich nicht nur die Lautstärke aller vorbeifahrenden Vehikel. Dank des Abstands der Mikrofone zueinander, kann auch die Richtung der Lärmquelle mittels Triangulation errechnet werden.

Das Ganze erinnert mich ein wenig an die Richtungshörer, über die ich im Januar 2015 mal berichtet hatte. Vielleicht erinnern Sie sich: Im Ersten und Zweiten Weltkrieg versuchten Richtungshörer herauszufinden wo ein großes Geschütz steht. Den oft weiblichen Flakhelferinnen wurden dazu elefantenohrgroße Schalltrichter über Schläuche an den Ohren befestigt, weil das Gehirn besser in der Lage ist, die Richtung einer Schallquelle zu erkennen, je weiter die „Ohren“ auseinander sind.

Aber zurück zum modernen Lärmradar. Schlägt es an, dann übermittelt es Lautstärke, Uhrzeit und Position des den Krach emmitierenden Autos an die Polizei. Diese soll dann mittels Videoüberwachung das Kennzeichen des Störenfrieds ermitteln und diesen zur Rechenschaft ziehen. Zugegeben, das ganze Vorgehen klingt in Zeiten der Digitalisierung doch arg kompliziert und nicht wirklich vollautomatisiert.

Hinzu kommt dazu dann ja auch noch, dass die EU das Bemühen der Kommunen um Ruhe für die Anwohner geradezu torpediert. In einer Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates unter der Nr. 540/2014 müssen seit dem 1. Juli 2019 neue Hybridelektro- und reine Elektrofahrzeuge ein künstliches Geräusch erzeugen, wenn sie weniger als 20 km/h fahren. Sie sind nämlich schlicht zu leise. Das stört zwar niemanden im Schlaf, aber Fußgänger könnten unbedacht auf die Straße treten, weil sie das herannahende Fahrzeug nicht hören.

Für die Poser ist diese EU-Vorgabe ja geradezu ein Freifahrtschein zum Krach machen. Bald wird es Auspuffröhren als „Klingelton“ zum Download für E-Autos geben. Und wenn die Polizei einen anhält, braucht der nur unbemerkt Ctrl-Alt-Entf drücken und das Auto schnell und heimlich auf Werkseinstellung zurücksetzen. Da hat sich der Herr Wachtmeister dann wohl verhört.


Bildnachweis: Bundesarchiv, Bild 101I-674-7757-18 / Zoll / CC-BY-SA 3.0 via Wikipedia

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