Uber war mal der Rockstar unter den Verkehrsunternehmen. Laut, frech, chronisch defizitär und fest davon überzeugt, dass eine jahrzehntealte Branche nur darauf gewartet hat, von ein paar Hoodie-Trägern mit App-Idee und Investorengeld vor den Bus geworfen zu werden. Das Taxi? Ein Fossil. Die Taxizentrale? Steinzeit mit Funkgerät. Ortskunde? Bitte, wir haben GPS. Tarifordnung? Wie süß. Uber kam nicht, um mitzuspielen. Uber kam, um dem Taxigewerbe die Tür einzutreten, den Teppich anzuzünden und anschließend »Innovation« in den Rauch zu blasen.
Und das hat bekanntlich ein kleines Vermögen gekostet. Milliarden wurden verbrannt, als hätte jemand Venture Capital mit Fernwärme verwechselt. Fahrer wurden »Partner« genannt, obwohl sie ungefähr so viel Partnerschaft genossen wie ein Akkuschrauber. Verluste waren kein Problem, sondern »Skalierung«. Dumpingpreise galten nicht als ruinös, sondern als »Markterschließung«. Uber hat jahrelang Geld angezündet, um sich weltweit als Transportunternehmen zu etablieren.
Nun, Jahre später, nach regulatorischen Prügeln und seiner epischen Fehde mit dem Taxigewerbe, hat Uber den nächsten Evolutionssprung der urbanen Mobilität gezündet. Halten Sie sich fest: keine Abholung dort, wo man gerade ist. Stattdessen feste Zustiegspunkte. Man fährt auch nicht jetzt, wenn man gerade da steht, sondern zu festen Abfahrzeiten. Die Fahrt geht auch nicht auf dem direkten Weg zum Ziel, sondern folgt festen Routen. Man sitzt zudem auch nicht alleine im Uber-Fahrzeug. Nein, mehrere Fahrgäste teilen sich die Fahrt, was das Ganze günstiger macht. »Route-Share« nennt Uber das. Oder wie ich sagen würde: Linienbus. Ja, genau. Uber hat den städtischen Bus erfunden. Den Bus, vor den sie die Taxiindustrie geworfen hatten. Nur neu lackiert, mit einer App verknüpft und so, als sei die Haltestelle eine Beta-Funktion.
Das eigentlich Komische ist nicht, dass Uber jetzt ÖPNV spielt. Die Ironie ist: Erst wurde das klassische Taxigewerbe mit der Erzählung zerlegt, individuelle Mobilität müsse flexibler, smarter, appiger werden. Und nun endet die große Disruptions-Operette bei einem Modell, das ungefähr seit dem 19. Jahrhundert existiert und in Deutschland meist mit einem leicht klebrigen Sitz und dem speckigen Haltewunschknopf assoziiert wird. Was man früher »der Bus fährt alle 20 Minuten« nannte, heißt heute »high-frequency corridor-based mobility experience«. Dabei riecht »Route-Share« verdächtig nach Monatskarte.
Man darf gespannt sein, was als Nächstes kommt. Vielleicht »Uber Letter«: Einer fährt feste Routen und wirft Briefe in Schlitze an Haustüren. Revolutionär! Oder »Uber Kids«: Gruppen Minderjähriger werden vormittags an Bildungsstandorten mit Wissen geimpft. Sensationell! Und wenn sie ganz mutig sind, erfinden sie als Nächstes die Straßenbahn. Mit Schienen. Also: Rail-as-a-Service.
Am Ende bleibt nur Bewunderung. Man muss es sich erst einmal trauen, ganz laut in die Menge zu rufen: Leute, wir haben da was völlig Neues entwickelt. Und die Menge fragt: »Ist es ein Flugtaxi?« Nein! »Ist es ein Gerät, um Menschen zu beamen wie bei Raumschiff Enterprise?« Nein! »Was ist es dann?« Es ist ein Fahrplan!
Hinweis an alle Teilnehmer von „Ich lese bis zum Schluss.“:
Die letzten drei Bücher sind raus nach Magdeburg, Österreich und in die Schweiz. Zudem schulde ich Euch noch eine Auflösung vom 12.Februar. Es geht um das Cover von „Der digitale Tod“. Ich finde es genial, es sieht nur (fast) niemand von alleine. Und so ein Kreuz und das Wort „Tod“ im Titel laden halt nicht zum kaufen ein. Obwohl das Kreuz eigentlich gar kein Kreuz ist. Es ist ein Teil des Buchstabens „f“. Von einem ganz bestimmten „f“ übrigens. Aber seht selbst.

Ich liebe Deinen Humor!
🥰
Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie Du Deine Themen auswählst, Dir alle möglichen Infos zusammensuchst und dass dann für den Leser in eine dermaßen heitere und komödiantische Form verpackst!
Das ist der Grund, warum ich seit fast 15 Jahren jeden einzelnen Artikel gelesen habe!
Weiter so – ich freue mich jeden Montag auf die Zeilen, die abseits des derzeit grausamen Weltgeschehens in meinem Postfach landen! :-)
LG (wieder mal) Michael aus dem Osten von Österreich
Vielen Dank! Bis nächsten Montag.