Promille und Programmierfehler

In Moskau kann man ungestört über Autobahnen rasen. Dafür heißt es dort gerade InterNJET und NJETflix, denn die Behörden haben das (mobile) Internet abgestellt. Mit Absicht, aus Angst vor ukrainischen Drohnen. In den USA ist es umgekehrt. Da funktioniert zwar die Datenautobahn. Dafür läuft‘s dort gerade nicht so richtig auf dem Highway. Zumindest nicht für die Boliden von ehemaligen Promillefahrern.
Früher war ein Auto dann kaputt, wenn der Keilriemen riss, die Batterie schlappmachte oder man beim Tanken aus Versehen Diesel in den Benziner kippte. Heute reicht offenbar ein Hackerangriff auf einen Server irgendwo im Nirgendwo, und schon steht der Wagen da wie ein Blumenkübel mit TÜV-Plakette. In den USA hat es genau so ein System erwischt: Der Anbieter Intoxalock wurde Opfer eines Cyberangriffs. Dessen Alkohol-Wegfahrsperre soll dafür sorgen, dass schon einmal erwischte Trunkenheitsfahrer erst pusten müssen, bevor sie losfahren können. Das Ergebnis der Attacke: Tausende Autos starten nicht mehr. Auch dann nicht, wenn der Fahrer so nüchtern ist, dass er die AGB der Kfz-Versicherung fehlerfrei rückwärts aufsagen könnte.
Das ist schon bemerkenswert. Das System soll eigentlich verhindern, dass Betrunkene fahren. Geschafft hat es nun vor allem eines: dass Nüchterne nicht fahren.
Besonders elegant ist dabei die technische Idee dahinter: Diese Geräte müssen regelmäßig über die Server des Herstellers neu kalibriert werden. Seit dem Cyberangriff am 14. März waren diese Systeme nicht erreichbar. Und wenn die Kalibrierung überfällig ist, sperrt das Gerät vorsorglich den Fahrzeugstart – unabhängig davon, ob der Fahrer betrunken ist oder nicht. Wenn etwas nicht geprüft werden kann, wird im Zweifel alles blockiert. Das ist die digitale Vollkasko für Juristen und eine reale Wegfahrsperre für die Fahrer. Für ein Auto, das Sie zur Arbeit, zum Arzt oder im Notfall ins Krankenhaus bringen soll, ist das ziemlich absurd.
Ich frage mich: Müsste so ein System im Ausfall nicht genau andersherum funktionieren? Also nach dem Prinzip »im Zweifel fahrbereit«, solange kein positiver Alkoholnachweis vorliegt? Eine Art technische Beweislastumkehr. Denn aktuell gilt offenbar: Kann der Server die Unschuld nicht bestätigen, sind Sie automatisch verdächtig. Das ist die gleiche Logik wie die der Politiker, die Hintertüren in Chatprotokollen und in Verschlüsselungen fordern – weil ja jeder von uns böse sein könnte.
Natürlich will niemand, dass Alkoholsünder mit einem Schulterzucken davonrollen. Aber ein sicherheitskritisches System, das beim Serverhusten den kompletten Alltag seiner Nutzer abschleppt, ist keine Verkehrssicherheit – das ist Hausarrest für den Zündschlüssel. Vielleicht sollte man bei vernetzten Autos künftig weniger fragen: »Kann das System Betrunkene stoppen?«, sondern eher: »Kann es unterscheiden zwischen Promille und Programmierfehler?« Sonst pusten und räuspern wir bald nicht mehr rum- oder rakischwangeren Atem ins Röhrchen, sondern Hauchen nur noch »Hilfe!!« in den Hörer einer Hotline.

Ein Kommentar zu “Promille und Programmierfehler

  1. Mittlerweile laufen die Systeme laut deren Status-Seite wieder: https://learn.intoxalock.com/status
    Aber: Alle Autos, deren System sich während diesem Zeitraum hätten kalibrieren müssen, müssen zum Service-Center. Manche fahren wohl noch (aufgrund einer „10-Tage-Verlängerungsperiode“), andere müssen wohl dahin geschleppt werden.
    Es bleibt zu hoffen, dass dieser Ausfall zu einem Umdenken führt – auch wenn ich das bezweifle…

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