Lebst Du eigentlich noch?

In den iPhone Charts sorgt aktuell eine App für Schmunzeln und Stirnrunzeln zugleich: »Demumu« oder im chinesischen Original als »Si Le Me« bekannt, steht derzeit hoch oben in der Gunst der iPhone Nutzenden – trotz (oder gerade wegen) ihres ungewöhnlichen Namens. International wird sie »Are you dead?« (»Bist Du tot?«) genannt.
Das Prinzip hinter der Anwendung ist verblüffend simpel: Nach dem Start lässt sich ein Name und die E-Mail-Adresse eines Notfallkontakts eingeben. Ein großer grüner Knopf dominiert die Oberfläche. Die Nutzer sollen diesen Button idealerweise jeden Tag einmal drücken, um so ein Lebenszeichen abzugeben. Wenn das über zwei Tage verpasst wird, informiert die App automatisch den hinterlegten Kontakt per E-Mail darüber, dass sich der User »nicht gemeldet« hat. Sie fragt also täglich, ob man noch lebt – oder (indirekt) ob man schon tot ist.
In vielen Gesellschaften nimmt die Zahl der Einpersonen-Haushalte weiter zu und alleinlebende Menschen suchen nach einfachen Lösungen, um Sorgen zu mindern. Wie oft schon las man von gestürzten Senioren, die tagelang mit gebrochener Hüfte hilflos im Flur lagen und erst nach Tagen gefunden wurden – wenn das überhaupt rechtzeitig geschah. Gerade für Menschen, die wenig technikaffin sind, punktet »Demumu« daher mit minimalistischem Design: keine lästigen Anmeldeprozesse, keine Werbung, keine pop ups mit ellenlangen AGB. Kurzum: sie ist deutlich pflegeleichter als ein Tamagotchi.
Doch gleichzeitig ist der Name selbst Teil der Diskussion. Kritiker finden »Bist du tot?« wenig einladend, zu makaber oder schlicht unpassend für eine App, die eigentlich Sicherheit vermitteln soll. In sozialen Netzwerken wurde deshalb auch bereits vorgeschlagen, den Titel in etwas Freundlicheres umzubenennen, um weniger morbide Assoziationen zu wecken. Etwa wie »Lebst du noch?« oder »Täglicher Check In« oder »Heartbeat« (»Herzschlag«).
Am Ende zeigt sich: Die App ist so schlicht wie genial. Ein kleiner digitaler Lebensanker für all jene, die sich fragen, ob jemand nach ihnen schaut. Für manche könnte die App bereits jetzt ein täglicher Begleiter werden, der sie daran erinnert, dass selbst ein kurzer »Ich lebe!« Knopfdruck mehr bedeutet als ein Emoji auf dem Smartphone Display.
Und wer weiß: Vielleicht macht diese App ja eines Tages Schule. Nicht als Horrorvision von digitaler Einsamkeit, sondern als Werkzeug, das zeigt, dass sich jemand kümmert – auch wenn‘s nur ein Algorithmus ist. Wichtig ist nur, dass man sich nicht vertippt. Oder im hohen Alter ausgerechnet den Schulfreund als Notfallkontakt einträgt, der selbst schon »abgemeldet« ist. Sonst heißt es am Ende beim Verschicken der Mail: »Fehler 550 – Empfänger unbekannt.« Und das wäre dann tatsächlich die letzte Mail.

Bildnachweis: Tobias Schrödel


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.