Ein Smartphone auf vier Rädern

Im polnischen Verteidigungsministerium hat man sich entschieden, den modernen Spion auf vier Rädern etwas rigoroser zu betrachten: Fahrzeuge, die so viele Kameras und Sensoren haben wie ein „Best-Of-Netflix-Set“, dürfen nicht mehr einfach auf Militärgelände einfahren – insbesondere chinesische Elektroautos stehen im Fokus dieser neuen Sicherheitslinie. Sie sind meist mit 360-Grad-Kameras und Mikrofonen ausgestattet. Dort, wo früher militärisches Großgerät rangierte und Feldpost in Empfang genommen wurde, stoppt jetzt der Schranken-Wächter die „rollende Smartphones“ und winkt sie ab, bevor sie versehentlich Layouts geheimer Gebäudestrukturen oder Kolonnenbewegungen einsammeln könnten.

Dass das Risiko allgegenwärtig scheint, erkennt man daran, wie sehr sich diese Idee quer durch Sicherheitskreise zieht: Moderne Fahrzeuge sammeln ununterbrochen Daten – von Kamerabildern über Radar-Umfeldscans bis hin zu Standort- und Bewegungsinfos, die sie in die Cloud schaufeln, sobald sie irgendwo ein Netz finden.

Die Angst ist nicht ganz aus der Luft gegriffen, denn ganz ohne Präzedenzfall ist die Sorge um Datenspuren nicht: Schon vor einigen Jahren wurde bekannt, dass Fitness-Tracker und Lauf-Apps wie Strava ungewollt die Lage geheimer US-Militärstützpunkte offenbarten. Die öffentlich einsehbaren Karten mit Joggingrouten zeigten präzise, wer wann um eine Basis herumlief – ein klassisches „Big Data goes spooky“–Szenario, das ehemalige US-Soldaten und dutzende Außenposten sichtbar machte. Da Soldaten gerne da joggen, wo eigentlich niemand außer der Einheit unterwegs sein sollte, wurde aus dem Fitness-Gadget eine unfreiwillige Landkarte militärischer Basen. Dieses Kapitel der Cybersicherheitsgeschichte hat längst Kultstatus erlangt und ist zugleich ein mahnendes Beispiel dafür, wie vernetzte Hardware in unerwarteten Kontexten Daten preisgeben kann, über die man lieber nicht spricht.

Die Polen haben nun also ganz offen die Konsequenz gezogen: Wenn ein Auto mehr darüber weiß, wo sich seine eigenen Kameras gerade im Gelände befinden, als der diensthabende Kompaniechef, dann ist Schluss mit Parken auf dem Kasernenhof. Und dass der Bann auch schon einen Tesla traf, der just an der Einfahrt stoppte und umkehren musste, weil man schlicht keine Lust auf zusätzliche Meta-Datenlieferungen hatte, zeigt, wie ernst das Thema genommen wird.

Natürlich ist so eine Entscheidung nicht ohne politischen Nachhall geblieben. Aus Peking kam prompt der Hinweis, man solle mit dem Begriff „nationale Sicherheit“ vorsichtig umgehen und nicht überdehnen – ein diplomatisches „Wir nehmen das zur Kenntnis, aber finden’s ein bisschen übertrieben.“ Gleichzeitig macht der Trend rund um vernetzte Fahrzeuge keinen Halt vor Landesgrenzen: Auch andere europäische Staaten denken laut über ähnliche Restriktionen nach.

Nun könnte man jetzt darüber philosophieren, ob demnächst auch WLAN-fähige Thermostate oder smarte Kaffeemaschinen von der Pforte zurückgewiesen werden – aber eigentlich geht es um etwas Grundsätzliches: In der Zeit, in der der moderne Soldat sein GPS im Stiefel hat, lernt auch das Militär, dass Daten das neue Gelände sind – und manche Fahrzeuge dürfen dort einfach nicht mehr „frei parken“.

2 Kommentare zu “Ein Smartphone auf vier Rädern

  1. Moin,

    toller Beitrag, wichtiges Thema.

    Ich kann aus eigener Erfahrung erzählen: Das Wissen um und die Auseinandersetzung mit diesen Tatsachen verlangt natürlich auch den Willen zum Handeln. Z.B.:
    Die deutsche Bundeswehr kennt ebenfalls die potenziellen Gefahren von sensorisch hoch ausgerüsteten Fahrzeugen und wurde schon zu Zeiten von Dashcams regelmäßig vor Sicherheitsrisiken gewarnt. Resultat war in vielen Kasernen: „Da ein generelles Film- und Fotografierverbot besteht, müssen wir keine gesonderten Regelungen zu Dashcams oder Fahrzeugen wie die von Tesla erstellen.“

    Lange Zeit durfte jede Kaserne machen, was sie wollte, was zu aberwitzigen Regelungen geführt hat. Ein Stützpunkt (, dessen Namen ich aus Gründen nicht nennen werde,) hat die Gefahr erkannt und den Einlass weiterhin erlaubt. Allerdings mussten Teslafahrer dort direkt auf den Besucherparkplatz am Eingang in einer schlecht ein- (und somit auch aus-) sehbaren Ecke parken, damit die Kameras nichts entsprechendes erblicken konnten. Ein Kasernenkommandantenwechsel später wurde die Regelung umgehend wieder gekippt, weil der neue Kommandant selber Tesla fuhr und keine Lust hatte vom Besucherparkplatz aus zu seinem Dienstgebäude zu Fuß zu gehen. Die Faulheit hat gegenüber der militärischen Sicherheit gewonnen.

    Ist zum Glück nicht mehr so, weil nach solchen Kuriositäten die richtigen Vorgesetzten wach geworden sind und nun der Bundeswehr eine zentrale Vorschrift geben werden. Keine Ahnung wie’s darum steht, aber es kann ja nur besser werden. 😉

    • Das klingt 100% genau so, wie das auch in Firmen ist. Das Ding ist noch nicht freigegeben, aber der Chef will das neue iPhone sofort. Hundert Mal gehört. Danke für die Story! BW ist halt nochmal was anderes.

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