Selfiewahn

Kürzlich habe ich in einer Studie gelesen, dass es immer mehr Todesopfer beim Selfie machen gibt (das Wort »schießen« fand ich gerade unangebracht). Deutlich mehr als die Hälfte der verunglückten Personen kommt aus Indien. Die Studie führt das einerseits auf die Verfügbarkeit billigster Smartphones zurück, die nun auch den Ärmsten in Indien den Zugang ins Internet ermöglichen. Da bei diesen Mobiltelefonen in der Werbung primär die Kamera im Vordergrund steht, nutzen viele Neubesitzer diese Funktion auch ausschweifend. Weiß man das und ergänzt es mit der Tatsache, dass Indien (hinter China) das Land mit den zweitmeisten Einwohnern ist, wird klar, warum Indien in der Statistik der Selfietoten ganz oben steht.

Allerdings ist in Indien der Selfiewahn nicht nur für Fotografen gefährlich. Mit dem Hashtag #selfiewithforeigner scheint es gerade »in« zu sein, sich als Inder mit Touristen selbst zu fotografieren. Laut einem Bericht bei T-Online werden besonders junge und attraktive Touristen geradezu bedrängt. Ein junges Paar aus der Schweiz sei – so der Bericht – sogar verprügelt worden, als es weitere Selfies mit sich ablehnte.

Meist trifft es aber die Fotografen. Die Studie führt die Anzahl der Verunglückten primär darauf zurück, dass die Selfies selbst immer abenteuerlicher und gefährlicher werden. Ein Bild von sich vor einem schönen Haus reicht meist nicht aus. Spektakulär muss es sein. Vor einem Abgrund oder aus der Türe eines fahrenden Zuges hängend. Kein Wunder also, dass immer mal wieder jemand ausrutscht, fällt oder mit dem Kopf an ein Hindernis prallt – rein statistisch betrachtet.

Ein Co-Autor der Studie, Professor Kumaraguru, hat daher nun extra eine App entwickelt, die einen warnt, wenn man sich an einem gefährlichen Ort für Selfies aufhält. Erkennt das Smartphone anhand des GPS, dass man z.B.gerade in der Nähe einer Klippe ist, dann blendet die App einen deutlichen Warnhinweis ein: »Du bist in der Nähe eines Ortes, an dem es gefährlich sein kann, Selfies zu machen«, steht dann im Display.

Ehrlich gesagt, bin ich mir unsicher, ob die App wirklich hilft. Ich denke gerade an Pokemon GO, da sind ja auch dauernd Leute blind über die Straße gerannt oder in Löcher gestürzt, um ein Pokemon zufangen. Ich glaube daher eher, dass es Leute gibt, die sich die App holen, um extra und ganz bewusst all diese 7.000 hinterlegten Gefahren-Selfies zu »sammeln«. Wahrscheinlich gibt es bald sogar ein Selfie-Album dafür. Von Panini.

Ein Kommentar zu “Selfiewahn

  1. Das WWW und die weltweite massive Überbevölkerung führen dazu, dass man schon Hitler oder Dschinghis Khan heißen müsste, um überhaupt noch Aufmerksamkeit erregen zu können. Das führt nun mal dazu, dass sich sehr viele Menschen ihrer völligen Unbedeutsamkeit und Unwichtigkeit bewusst werden. Und meinen ernsthaft, oder hoffen zumindest, dem durch Selfies entgegenwirken zu können.
    Lächerlich und einfältig ist das.
    Man möchte ihnen zurufen: „Selbst mit 1000 Selfies wirst du nicht bedeutsamer, nicht für die Natur, nicht für den Planeten und schon gar nichts fürs Universum, also lass es bleiben und verschmutze deine Umwelt nicht mit diesen Zeugnissen deiner völligen Belanglosigkeit deines Daseins!“ Aber das wollen sie ja nicht wahr haben oder hören, sonst müssten sie ja noch mehr Stimmungsaufheller schlucken.

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