Mutprobe

Kennen Sie noch die Icebucket-Challenge? 2014 haben sich Millionen Menschen vor laufender Kamera einen Eimer Eiswasser über den Kopf gekippt, um auf die Nervenkrankheit ALS aufmerksam zu machen. Auch ich habe mitgemacht, weil mich mein Bruder nominierte.

Kalt war’s zwar, aber ungefährlich. In den folgenden Jahren gab es jedoch immer wieder gefährliche Challenges, die über soziale Netzwerke wie Instagram oder TikTok die Runde machten. Eigentlich sind das kleine Mutproben, wie es sie schon immer gab. Nur eben mit weltweiter medialer Aufmerksamkeit und härteren Konsequenzen, wenn etwas schief geht. Als ich als Kind von meinen Freuden animiert in der Bäckerei laut „Furzklo“ rufen musste, habe ich mich höchstens blamiert, aber nicht verletzt.

Heute ist das anders. Bei der TidePod-Challenge, soll man möglichst lange an einem kleinen Plastikbeutel lutschen. Der Haken: Pods sind diese kleinen, mit konzentriertem Flüssigwaschmittel gefüllten Beutelchen, die sich bei Kontakt mit Wasser in der Waschtrommel auflösen. Dummerweise schafft Spucke im Mund das auch und dann ergießt sich die ätzende Lauge nicht in dreckigen Unterhosen, sondern im Umfeld von Zahnfleisch und Speiseröhre. Bei der Blackout-Challenge geht es darum, solange die Luft anzuhalten, bis man ohnmächtig wird. Auch wenn es gar nicht so einfach ist, dem Atemreflex zu widerstehen, haben es in den USA immerhin 80 Jugendliche so gut gemacht, dass sie dabei starben. Das gleiche Schicksal teilt Antonella, eine 10-jährige Italienerin, die so ihr Leben im Badezimmer der elterlichen Wohnung auslöschte.

Zwar frage ich mich, welcher Vollidiot eine derart gefährliche Challenge überhaupt versucht. Ich tue mich aber schwer damit, sehr junge Menschen zu verurteilen. Mit 10 Jahren kann man die Risiken und Folgen vermutlich nicht wirklich einschätzen. Vielmehr kritisiere ich diejenigen, die Kinder zu solchen Wahnsinnstaten animieren. Laut einem Bericht der amerikanischen Autorin Kristin Livdahl machen das aber nicht nur unverantwortliche Menschen, sondern auch (fehlerhafte) Algorithmen. Als Livdahls Sohn kürzlich Amazons Sprachassistenten Alexa um eine Aufgabe bat („Tell me a challenge to do.“) schlug Alexa dem 10-jährigen ernsthaft die „Outlet Challenge“ vor.

Hierbei soll man einen Stromstecker nur halb in die Steckdose stecken und die noch herausragenden Teile mit einem Geldstück verbinden. Amerikanische Wandsteckdosen haben keine Vertiefung, da geht das recht einfach. Lebensgefährliche Stromschläge und Brände sind die Folge. Absurderweise hat Alexa die Challenge auf einer Webseite gefunden, die explizit davor warnt, diesen Teil im Text aber nicht beachtet. Ein eindeutiger Beweis dafür, dass man Texte zu Ende lesen sollte und nicht nur Menschen Vollidioten sein können, sondern auch „künstliche Intelligenzen.“


Bildnachweis: oben Kristin Livdahl via Twitter // unten Plymouth Fire Department

4 Kommentare zu “Mutprobe

  1. Algorithmen können genauso wie Sprachassistenten nur so intelligent sein wie die Menschen, die sie programmiert haben. Und an diesem Dillemma ändert auch die KI nichts Wesentliches … zumindest derzeit noch nicht.

  2. … und wenn man weiter schlußfolgen möchte, müsste man auch noch dazusage, dass die KI genauso natürlich ist, wie der Mensch.

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