Hitzewallungen bei Minusgraden

Während Russland mit vorgegaukelten „Lieferschwierigkeiten“ und Gazprom mit einem völlig absurden „Werbespot“ die Angst vor einem kalten Winter befeuern (welch Wortspiel!), steigen die Preise für Energie in schwindelerregende Höhen. Nun gilt es also Reserven anzulegen und die Gasspeicher für den Winter zu füllen.

Eine Möglichkeit: Klimaanlagen zwei Grad wärmer und Heizungen zwei Grad kühler stellen. Und damit auch jeder mitmacht, wäre es doch cool, wenn alle Haushalte über smarte, also über das Internet mit dem Energielieferanten verbundene Heizungs- oder Klimaanlagenregler verfügen würden. Dann könnte man erkennen, wer nicht runterregelt und mit diesem Wissen dann demjenigen so richtig Feuer unterm Hintern machen.

Aber wieso so umständlich. Warum gibt man dem Energieversorger nicht direkt die Erlaubnis, bei jedem Bürger zu Hause die Heizung oder Klima zu regeln? Ganz nach dem Motto, wenn der Russe uns mit Gas erpresst, dann wird dafür gesorgt, dass ganz Deutschland weniger heizt und Gas gespart wird. Wer allein bei dem Gedanken an so ein Szenario ins Schwitzen kommt, dem sei gesagt, sowas gibt es schon. In den USA.

In Colorado nehmen 22.000 Haushalte (freiwillig!) am „Colorado AC Rewards“-Programm teil, bei dem der Stromversorger XCEL in Notsituationen das Recht bekommt, den hohen Strombedarf von Klimaanlagen durch Fernsteuerung des Thermostats zu reduzieren. Er kann also im Notfall die Zieltemperatur der Klimaanlage verstellen, um den Stromverbrauch zu senken. Im Gegenzug für diese Möglichkeit erhalten die Teilnehmer 100$ Startprämie und jedes Jahr weitere 25$. In den sechs Jahren, seit das Programm läuft, hat jeder Haushalt also 250$ erhalten.

Nach dem Ausfall eines kompletten Kraftwerks trat nun der Notfall ein für den das Programm gedacht ist. Um den Zusammenbruch des Stromnetzes zu verhindern, wurden bei über 30° Außentemperatur alle angeschlossenen Klimaanlagen auf 26°C gestellt und die Bedieneinheit gesperrt. Die 22.000 Teilnehmer konnten die Temperatur in ihren Wohnungen also erst einmal nicht mehr ändern. Und zwar genau eine (kurze) Stunde lang.

Was dann passierte ist typisch Menschheit. Anstatt sich zu freuen, dass man (bezahlt!) mitgeholfen hat, einen Blackout in der Gegend zu verhindern, heizt sich die Stimmung in sozialen Netzwerken auf. Einige Teilnehmer lassen ihrem Frost … äh … Frust freien Lauf. Am absurdesten finde ich die Beschwerde vom Tony Talarico. Er findet die Maßnahme völlig überzogen, der Ausfall eines ganzen Kraftwerkes sei ja wohl kein Notfall, sagte er. Ihm war es jedenfalls wegen der Maßnahme zu heiß – vermutlich brennt ihm sogar der Hut.


Bildnachweis: Pixabay

3 Kommentare zu “Hitzewallungen bei Minusgraden

  1. Dieser Beitrag kennzeichnet recht gut, woran auch die Gesellschaft bei uns momentan und immer mehr leidet. Immer mehr Egozentriker, Egomanen, Narzisten, oder wie auch immer man die verschiedenen Ausprägungen des der Ichbezogenheit nennen möchte. „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß“. Frei nach dem Motto: „Klar müssen wir Energie sparen, nur sollen doch erst mal die Anderen“ oder „Zuerst komm ich – und meine Bedürfnisse“.

    Und wer meint, der Ausfall eines Kraftwerks ist doch kein Problem, der hat schlichtweg keine Ahnung über die Notwendigkeit der Netzsteuerung. Der Ausfall kann einen Flächenbrand, einen (groß)flächendeckenden Stromausfall nach sich ziehen. Je mehr Netzcluster davon betroffen sind, um so länger dauert es, das Netz wieder hochzufahren, im schlimmsten Fall mehrere Tage. Die Versorgungsnetzbetreiber haben sowieso schon genug Probleme mit den erneuerbaren Energien die nicht steuerbar sind. Und wenn dann noch Kraftwerksprobleme hinzukommen, sind das ganz schnell große Probleme.

  2. „Dieser Beitrag kennzeichnet recht gut, woran auch die Gesellschaft bei uns momentan und immer mehr leidet. Immer mehr Egozentriker, Egomanen, Narzisten, oder wie auch immer man die verschiedenen Ausprägungen des der Ichbezogenheit nennen möchte. “

    Ich meine, solche Menschen gibt es schon länger.
    Das solche „Ausprägungen“ jedoch so sichtbar werden, liegt in in meinen Augen an den (a)sozialen Netzwerken.
    Vor 20 Jahren hätte sich der o.g. Tony Talarico aufgeregt – in seiner Stammkneipe, zuhause, wo auch immer -und nicht die ganze Welt hätte es mitbekommen.

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