Wer braucht schon schnelles Internet

In einer Telekom DSL-Werbung aus dem Jahr 2000 bietet uns Robert T-Online, ein Yuppie mit blonden, gegelten Haaren und fast schon arrogantem Grinsen (Beschreibung Wikipedia), „Highspeed zu Lowcost“ an. „Daten mit bis zu 768 kbit/s downloaden“, was einen „superschnellen Seitenaufbau“ ermöglicht und womit man „E-Mails in Null Komma Nix verschicken“ kann.

Fast 20 Jahre ist das jetzt her. Damals wurde Vladimir Putin gerade russischer Präsident und die Öresundbrücke zwischen Dänemark und Schweden wurde eröffnet. Außerdem gab es YouTube noch gar nicht. Das wurde nämlich erst fünf (!) Jahre später erfunden. Klar, weil für YouTube braucht man etwas mehr Bandbreite, als damals vorhanden war.

Nun wird immer wieder darüber berichtet, dass Deutschland heute noch im Bereich des schnellen Internets rückständig ist, sogar Albanien sei besser vernetzt, weswegen die Bundesregierung letztes Jahr beschlossen hat, 2,4 Milliarden Euro in den Breitbandausbau für schnelles Internet zu investieren. Hurra, Deutschland wird digital! Nix mehr Neuland. Heute beginnen wir mit dem Aufbau eines 5G-Mobilfunknetzes. Es wird Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 10 Millionen kbit/s ermöglichen, also rund 13.000 Mal schneller sein, als das, was Robert T-Online im Jahr 2000 als „Highspeed“ angepriesen hat.

Obwohl … so ganz sicher bin ich mir nicht, ob wir dieses Ziel erreichen können. Denn in deutschen Amtsstuben wiehern noch die Gäule aus der Kaiserzeit, als 4PS vor einer Kutsche noch als funktionales Fortbewegungsmittel angesehen wurden. „Funktional“ ist das Stichwort. Die Politikerin Anke Domscheit-Berg berichtet in einem YouTube-Video von einer Sitzung des Verkehrsausschusses vom 14.November 2019. Es ging um fehlenden, adäquaten Ersatz nach der Abschaltung von ISDN (64 kbit/s) in ländlichen Gegenden. Ein Vertreter der Bundesnetzagentur, der obersten Bundesbehörde für Telekommunikation, konkretisierte dort, dass ein „funktionaler Internetanschluss“ bereits mit 56 kbit/s gegeben sei.

Wie bitte? 56 kbit/s sind etwa 1/13 des ersten DSL-Anschlusses von vor 20 Jahren. 56 kbit sind gut 1/200.000 dessen, was 5G verspricht. 56 kbit/s sind nur rund ¼ dessen, was Sie mit dem Handy haben, wenn im Display oben nicht „LTE“ steht, sondern „E“ für EDGE (150-200 kbit/s). Wenn bei mir im Handydisplay „E“ steht, dann funktioniert da nichts mehr. Auch ohne Mathediplom ist klar, dass bei einem Viertel von „E“ erst recht nichts geht. Domscheit-Berg hat errechnet, dass mit 56 kbit/s das Aufrufen der Homepage des Bundestags etwa 20 Minuten dauern würde.

Und das soll ein „funktionaler Internetanschluss“ sein? Dazu fällt mir echt nichts mehr ein. Obwohl, doch … das hier: Das schnelle Internet in Deutschland kommt bestimmt, nur halt langsam.


Bildnachweis: Screenshot aus o.g. Werbung der Deutschen Telekom aus dem Jahr 2000. Aufgerufen über YouTube, zuletzt am 30.11.2019 um 08:15

2 Kommentare zu “Wer braucht schon schnelles Internet

  1. Gibt es überhaupt noch Plattformen und Anbieter für analoge Einwahl?

    Das einzige, was die Anbieter einem in Deutlschland bereitstellen müssen ist ein analoger Telefonanschluss. Und selbst hier kommen die mit ihrem IP-Ausbau große Probleme, weil sie überall die alte Technik abbauen, aber die neue mangels Retabilität nicht aufbauen wollen.

    Wenn man Glück hat bekommt man dann einen analogen MSAN-POTS-Anschluss aus der nächsten Betriebsstelle in 10km Entfernung. Ein analoges Telefon funktioniert damit noch, aber DSL über diese Strecke kannst Du knicken.

  2. Nunja, man musste ja unbedingt alles privatisieren, nicht wahr?
    Weil Staatsfirmen ja poer Se viel schlechter sind und nicht mit Geld umgehen können usw….
    Aber sie müssen wenigstens nicht Profit erwirtschaften nur um dens Profites wegen, sondern könnten sich auf die Flächendeckende Versorgung konzentrieren… könnten…wenn es sie noch gäbe.
    Das Problem in Deutschland ist, dass wir ideologisch in einem Widerspruch hängen zwischen der neoliberalten „Der Markt regelt alles, Privatisierung, Deregulierung usw.“ – Ideologie und auf der anderen Seite aber dem sozialen Anspruch uns um alle zu kümmern. – Auch da wo es nicht rentabel ist.
    So wird also ein Internetanschluss als unnötiger Luxusartikel angesehen, ohne den man genausogut leben könnte, andererseits wird aber die DAB-Förderung gestrichen mit dem Hinweis darauf dass ja per 5G ebensogut alles broadcasted werden könnte usw.
    Auf Funklöcher und den ganzen sonstigen Defiziten dieser Ansicht wird dabei nicht eingegangen.
    Ich sehe schon kommen, dass man bald nur noch per Whatsapp um hilfe rufen kann und wenn man gerade kein Netz hat, pech gehabt.
    So wie man heute schon bei Stromausfall nicht mehr telefonieren kann, dank All-IP.
    Wer 56K als funktionierenden Internetanschluss betrachtet, lädt wohl auch die Familie per Rauchzeichen zum Weihnachtsessen ein?
    Zum Thema 5G ist hier übrigens ein netter Artikel:
    https://www.golem.de/news/netzwerke-warum-5g-nicht-das-bessere-wi-fi-ist-1912-145178.html

    Mal sehen wie viel der vollmundigen Versprechen nachher in der Praxis rauskommt.
    Im Übrigen gibt es hier im Süd-Osten Deutschlands sogar heute noch Flecken die nichteinmal mit einem anständigen DSL 768 gesegnet sind… von mehreren MBit ganz zu schweigen.

    So wird das jedenfalls nix mit der Digitalisierung in Deutschland – Egal wie viele Heuverbrenner man vor den Karren spannt.

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