Digitale Wackelautos

Die Kaufingerstraße in München, die sich vom Rathaus bis hin zum Stachus zieht, ist seit jeher ein Anziehungspunkt mit dutzenden Geschäften. Es ist die Fußgängerzone der Stadt. Neben den Kräuterfrauen stehen hier peruanisch aussehende Panflötenspieler aus Detmold und Herne und spielen südamerikanische Hits, während Taschendiebe auf einen Glücksgriff hoffen.

Vor vierzig Jahren gab es etwa in der Mitte der Kaufingerstraße einen Woolworth-Laden, der damals den Ruf von Grabbelware und Wühltisch hatte. Ich mochte dieses Geschäft, denn am Eingang gab es drei Dinge, die ich geradezu liebte. Da war zum einen dieses Warmluftgebläse oberhalb der Türen, damit besonders im Winter der Laden nicht auskühlte. Minutenlang stand ich da drunter und blockierte schimpfenden Tütenschleppern den Ausgang.

Dann war da noch der Hotdog-Stand. Ein Glas, schwitzend vom Kondenswasser, beherbergte, weithin sichtbar, ein halbes Dutzend geplatzte Wienerwürstchen. Davor, an metallenen Speerspitzen aufgespießt, wie Schädel in Game of Thrones, ein Bataillon Hotdog-Brötchen. Der Verkäufer spritze dort erst billigen Ketchup hinein, steckte dann ein Würstchen drauf und reichte mir den fertigen HotDog anschließend herunter. Genuss pur, da kommt in meiner Erinnerung auch heute noch kein Schuhbeck oder Lafer mit.

WackelautoUnd letztendlich stand vor Woolworth noch dieses Wackelauto. Liebevoll gestaltet aus gehärteten Fieberglasfasern, knallrot  bemalt und mit allem, was ein Feuerwehrauto braucht. Blaulicht, Leiter und eine stumme Glocke, an deren Kordel man jedoch ordentlich wedeln konnte. „Klingelingeling – aus dem Weg! Hier kommt die Feuerwehr!

Wenn man noch zehn Pfennige einwarf, dann ging es mit dem Wackelauto auch tatsächlich in den Einsatz: Hin und Her und Hin und Her und Hin und Her … und Aus.

Wackelautos gibt es heute fast nicht mehr. Immer seltener stehen sie rum und animieren Kinder ein paar Minuten zum Helden ihrer Phantasie zu werden. Wer mag, findet bei eBay das ein oder andere ausrangierte Modell (oder hier auch neu).

In den Einkaufszentren der Stadt hingegen sucht man sie mittlerweile meist vergeblich. Hier findet man immer öfter die neue, digitale Version der Wackelautos. Digitalisierung mal unnötig. Kinder sitzen stocksteif rum und bekommen per Virtual-Reality-Brille Achterbahnfahrten oder Dinosauerier mit 360°-Rundumblick vorgespielt.

Vorgefertigter Brei ist das. Nichts zum Anfassen und nichts für die Phantasie. Das einzige, was diese VR-Brillen den echten Wackelautos Voraus haben, sind saubere T-Shirts. Meins war nämlich immer voller Ketchup – und das Würstchen lag am Boden. Vom Hin und Her und Hin und Her ….


Bildnachweis: (c) Tobias Schrödel und Feuerwehrauto Screenshot (Ausschnitt) von graysonline USA Kleinanzeigen

 

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