Das Fernsehen schafft sich ab

Letzte Woche wurde in Deutschland DVB-T abgeschaltet und DVB-T2 hochgefahren. Und was wurden da für Horrorszenarios an die Wand gemalt! Von Drohungen mit schwarzem Bildschirm bis hin zu amtlich aussehenden (und später untersagten) Werbebriefen, die zum kostenpflichtigen Wechsel auffordern gab es so ziemlich alles, was den Unwissenden das Geld aus der Tasche ziehen sollte. Fakt ist, dieses ganze DVB-T2 ist auf gut Deutsch nichts anderes als eine Gelddruckmaschine und ansonsten auch ein wenig Kundenverarsche. Die meisten von uns schauen eh über Kabel oder Satellit. Betroffen sind daher gerade mal 3,3 Millionen Haushalte.

Ein alter TV - noch vor DVB-T2DVB-T2 bringt denen dafür endlich Fernsehen in High Definition (HD), was einer der Hauptgründe für die Umstellung ist. Tja, netter Versuch. Auch das nun abgeschaltete DVB-T Version 1 konnte schon HD, das sagt nur niemand. Es hätten halt nicht so viele Sender auf das Frequenzband gepasst, so dass man wohl auf bibel.TV und die Shoppingsender hätte verzichten müssen. Technisch wäre die Umstellung zumindest nicht zwingend notwendig gewesen, die Entsorgung hunderttausender unbrauchbarer Receiver ist das jetzt allerdings schon.

Dafür sind nun die Sender der RTL-Gruppe zurück und wieder per Zimmerantenne zu empfangen. Aber: Empfang ist halt noch lange nicht sehen. Die Privatsender kann man nur entschlüsseln, wenn man vorher ein Abo abschließt und schlappe 69€ pro Jahr bezahlt. Zuzüglich zur GEZ wohlgemerkt – und pro Fernseher! Absurderweise nennt sich das freenet TV – frechheit TV wäre passender. Dafür kommen RTL & Co. dann zwar (zeitgemäß …) in HD, die Sender sitzen dafür aber ziemlich dreist in der Smartcard. So können sie zum Beispiel die Aufnahmemöglichkeit einer Sendung auf dem Festplattenreceiver verhindern. Und wenn man mal was aufnehmen darf, dann ist beim Werbeblock der schnelle Vorlauf deaktiviert – kein Scherz!

Übrigens: Deutschland hat sich erst Monate nach der europaweiten Verabschiedung des Bild-Codier-Verfahrens und erst vor wenigen Monaten für einen eigenen Codec entschieden. Wer sich also schon davor für einen niegelnagelneuen Flachbildfernseher mit DVB-T2-Ready Aufkleber entschieden hat, guckt ebenfalls in die Röhre. Mit dem neuen Gerät kann man zwar in ganz Europa per Antenne fernsehen – aber nicht in Deutschland. Auch die sündhaft teuren TV-Bildschirme in Nobelkarossen für die Fahrgäste (ebenso die billigeren Nachrüstsets für die Kids auf der Rückbank) bleiben ab sofort dunkel. Die meisten (Automobil-)hersteller wollen nicht nachrüsten.

Mein Fernsehen heißt mittlerweile immer öfter Netflix oder Amazon Video. Kostet in etwa genau so viel, läuft wann ich will, hat keine Werbung und insbesondere die Serien sind (weitgehend) megaspannend! Wer braucht da – außer der Tagesschau – noch das alte TV? Und jetzt kommen Sie mir nicht mit Fußball. Das Überangebot an Spielen reizt mich schon lange nicht mehr richtig. Jetzt kommt auch noch eine WM mit 48 Mannschaften … da gibt es 64 Spiele vor dem Achtelfinale! Und Simbabwe gegen West-Samoa interessiert mich echt nicht – auch nicht in HD.


Bildnachweis: sveta via Fotolia

4 Kommentare zu “Das Fernsehen schafft sich ab

  1. Wiedermal sehr gut geschriebener Artikel!
    Hier in Österreich haben wir ja auch mittlerweile das DVB-T2-Problem,
    dass die ÖFFENTLICH-RECHTLICHEN Sender mittlerweile verschlüsselt sind.
    Somit ganz eindeutig Zwangs-Beglückung für die GIS (= GEZ in Deutschland)
    Aber da ich jetzt KEINE Möglichkeit mehr habe (ohne Neu-Anschaffung)
    die Öffentlich-Rechtlichen Sender (ORF usw.) zu sehen,
    fühle ich mich auch nicht mehr gezwungen, die GIS zu entrichten –
    aber gerade DA gibt’s hier den Haken: Ich „könnte“ sie Empfangen,
    weil ich ja Empfangsmöglichkeiten habe…… !!
    Ich könnte aber auch jeden Monat an die Bahn ein paar Euro zahlen,
    denn ich hab ja die Möglichkeit, mit der Bahn zu fahren,
    auch wenn ich gar nicht will oder muss…… !

    • Ich schaue den ORF (noch) über den Fernsehturm in Salzburg, das Signal ist (legal!) nämlich per Richtfunkantenne auch in München empfangbar (habe freie Sicht in diese Richtung).
      Aber … auch das wird bald Geschichte sein, wenn das Signal verschlüsselt wird. Dann Ade „Am Dam Des“* und „Formel 1“ ohne Werbeunterbrechung ….

      * ich weiß schon, der Enrico läuft schon lange nicht mehr.

  2. Tja, wegen Formel 1 tut’s mir eigentlich am meisten weh.
    Aber dafür bekomme ich unzählige slowakische Sender
    über DVB-T hier im östlichen Osten von Österreich rein ;-)
    (die bringen mir nur leider nix – und schon gar kein Formel 1……..)
    Aber ich kann ja beim nächsten Rennen nach München fahren
    um F1 auf ORF zu schauen *kopfschüttel*

  3. Natürlich hätte auch das herkömmliche DVB-T für HD aussendungen gereicht.Aber weil die
    UHF-Frequenzen oberhalb 700 MHz an LTE verkauft wurden,hätte man doch nicht den ganzen
    Funkstandard ändern müssen.Die DVB-T Muxe oberhalb 700 MHz hätte man auf die freien unteren
    Bereiche verfrachten können und fertig wärs.Es stünden dann 29 UHF kanäle für je einen Mux mit 4
    Sendern in SD, (macht 29×4 Programme) oder je 2 in h264 HD(macht 29×2 HD Programme) zur
    verfügung.
    Aber der Grund ist ein anderer. Die Cash-Kuh lockt.Es soll kein Standardformat mehr
    verbreitet werden.Und jetzt kann man ja sagen , es ist ja alles in HD und daher kostet es.Sozial
    schwache die sich keinen Kabelanschluss oder Highspeed zugang neben der
    Rundfunk-Zwangssteuer (verniedlichend “ Rundfunkabgabe“- oder “ Rundfunkbeitrag“) leisten können, sind vor dem Kopf gestossen.Aber auch Taxifahrer und allgemein mobile Leute dürfen jetzt Werbefernsehen extra bezahlen.

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